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Simon Sahner

Sich selbst entwerfen - Non-fiktionales Schreiben als Emanzipation

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We tell ourselves stories in order to live. […] We interpret what we see, select the most workable of the multiple choices. We live entirely, especially if we are writers, by the imposition of a narrative line upon disparate images, by the “ideas” with which we have learned to freeze the shifting phantasmagoria which is our actual experience.

Joan Didion. The White Album: Essays.

Die ersten Sätze des Essaybandes +The White Album (1979) der amerikanischen Schriftstellerin Joan Didion geben den Leser*innen eine Anleitung an die Hand, wie mit den folgenden Texten umzugehen ist. Gleichzeitig stellt die Autorin ihr Schreiben in einen direkten Zusammenhang mit dem Fortbestand der eigenen Existenz: Das Erzählen von Geschichten ist (über)lebensnotwendig. Das Konzept homo narrans, die Idee also, dass das Erzählen per se eng verbunden ist mit der menschlichen Existenz, ja gar zu den Grundkonstanten des Menschen gehört, ist seit den 1960er Jahren in den Geisteswissenschaften verbreitet.

Was Didion an dieser Stelle beschreibt, geht jedoch einen Schritt weiter.

Das Erzählen von Geschichten ist für sie nicht lediglich ein grundlegender Bestandteil des Menschseins, es ist vielmehr überlebenswichtig und das insbesondere für den schreibenden Menschen, der Joan Didion ist. Das Erzählen, gibt uns die Möglichkeit den Wirrwarr, der sich aus den Erfahrungen unseres Lebens bildet, in einen Zusammenhang zu stellen. Oder anders gesagt, verleiht erst das Erzählen des eigenen Lebens diesem einen Sinn, weil wir durch das narrativierende Ordnen und Auswählen unsere eigene Geschichte erzählen - uns selbst und anderen - und damit das ausbilden und darstellen, was wir als unsere Identität bezeichnen.

Joan Didion wählt für dieses Erzählen der eigenen Geschichte die Form des Essays. Der persönliche Essay in der Form der nonfiktionalen Selbsterzählung ist als literarische Gattung spätestens seit dem 20. Jahrhundert fest im englischsprachigen Raum verankert. Von Joan Didion über James Baldwin und Audre Lorde, Gore Vidal und David Foster Wallace bis hin zu Jonathan Franzen und Siri Hustvedt - ob Intellektuelle oder Schriftsteller*innen, die man in Deutschland vor allem als Romanautor*innen kennt, sie alle haben Essays in großer Zahl veröffentlicht. Das literarische Selbsterzählen, das nicht unter dem Deckmantel eines fiktionalen Romans oder einer hybriden Form vonstattengeht, scheint heute eine vorrangig englischsprachige Angelegenheit zu sein. Es soll an dieser Stelle nicht über Gründe dafür spekuliert werden, aber die strikte Trennung von fiktionalem und nicht fiktionalem Schreiben ist in Deutschland noch weit deutlicher in den Köpfen verankert. Während der Begriff Schriftsteller*in beinahe automatisch mit einer Person verbunden wird, die fiktionale Texte in Form von Romanen oder Erzählungen verfasst, ist das englische writer weitaus weniger festgelegt. Der*die writer ist ein Mensch, der sich auf mehreren Feldern des literarischen/journalistischen Schreibens bewegen kann – erst langsam scheint sich diese Perspektive auch hier durchzusetzen.

Während also das Terrain der literarischen Selbsterkundung und -positionierung in einer freien nicht fiktionalen Form schon lange existiert, fällt in den letzten Jahren auf, dass diese Form wieder mehr ins Bewusstsein rückt und dass insbesondere schreibende Frauen verstärkt darauf zurückgreifen. Die Onlinesuche nach non fiction women writing fördert bereits auf der ersten Seite der Googleergebnisse sechs Treffer mit Listen nicht fiktionaler literarischer Werke von Frauen zutage, keine dieser Listen älter als drei Jahre.

Warum wenden sich in den letzten Jahren offenbar insbesondere Frauen dieser Gattung zu?

In der Einleitung zu ihrem vor wenigen Wochen erschienenen Essayband +Trick Mirror : Reflections on Self-Delusions schreibt die Autorin Jia Tolentino:

When I feel confused about something, I write about it until I turn into the person who shows up on paper: a person who is plausibly trustworthy, intuitive, and clear. It’s exactly this habit—or compulsion—that makes me suspect that I am fooling myself. If I were, in fact, the calm person who shows up on paper, why would I always need to hammer out a narrative that gets me there?

Mit einer ähnlich gelagerten Aussage, wie derjenigen, mit der Joan Didion vierzig Jahre zuvor ihre Sammlung beginnt, überschreibt auch Tolentino ihre Auseinandersetzungen mit dem eigenen Selbst in der Gegenwart der ersten zwei Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts. Der Essay unter dem Titel The „I“ in the Internet handelt vor allem davon, wie Tolentino in den letzten zwanzig Jahren seit ihrer ersten Begegnung mit dem Internet in den späten Neunzigern ihr eigenes Selbst auch mit den Möglichkeiten der Selbstnarrativierung im Web 1.0 und 2.0 entwickelte und vor allem performte. Hier scheinen Parallelen zu Joan Didion auf. Tolentinos Analyse, dass wir als Menschen fortwährend eine Identität performen, dass diese Identität je nach Kontext variieren kann und dass wir sogar vor uns selbst eine Identität darstellen, liegt auch dem Zitat aus The White Album zugrunde. Während für Tolentino dieser Umstand in der Verbindung mit dem jederzeit verfügbaren Publikum im Internet aber auch zur reizvollen Gefahr wird, ist er für Didion überlebenswichtig. Am Ende jedoch bleibt die Grundidee des immerwährenden Erzählens gleich und ist auch für Tolentino unausweichlich.

Vielleicht liegt genau darin der Grund für das rege Interesse an nicht fiktionalen literarischen Texten: in der ambivalenten Option der permanenten Identitätsperformance, die sich über die ersten privaten Ausdrucksmöglichkeiten online auf Angelfire und GeoCities, über die Blogger Community Anfang der 2000er und soziale Netzwerke ab Mitte der 2000er bis zu Instagram und tiktok in Verbindung mit dem Drang und der Unausweichlichkeit die eigene Persönlichkeit durch Erzählen zu konstruieren, entwickelt hat. Die stets vorhandene Möglichkeit das eigene Leben als Erzählung anderen mitzuteilen, das Leben anderer zu verfolgen und uns zu allem äußern zu können, hat das Erzählen in nicht fiktionaler Form noch stärker in unserem Bewusstsein verankert als das schon immer der Fall war. Zudem hat das Internet mit seinen Möglichkeiten dazu beigetragen, dass auch diejenigen sich schreibend äußern können und konnten, denen das zuvor – zumindest öffentlich – verwehrt wurde. Das gesteht bei aller Kritik und Sorge auch Tolentino ein, die selbst davon profitierte:

I am glad, too, for the way the internet has given an audience to writers who previously might have been shut out of the industry, or kept on its sidelines: I’m one of them.

Der emanzipierende Effekt der Selbsterzählung ist dann vielleicht auch der Grund, warum viele Frauen, aber vermehrt auch Menschen aus anderen Gruppen, denen in einer weiß, cis und patriarchal dominierten Kultur die Veröffentlichung ihrer eigenen Perspektive häufig nicht möglich war, jetzt offen über ihre Sicht der Dinge und sich selbst berichten. Die Wahl des Essays als einer nicht fiktionalen Form ist in dieser Hinsicht selbst ein emanzipierender Vorgang. Nicht hinter der Maske der Fiktion wie in einem Roman, sondern offen und unter eigenem Namen tritt man in die Öffentlichkeit und stellt sich selbst und die eigene Position in den Diskurs.

Die für die Autorin und die Leser*innen gleichermaßen schonungslose Offenheit, mit der auch Maggie Nelson in +The Argonauts (2015) über ihre Liebe zu Harry Dodge, ein*e Künstler*in, die*der sich selbst als außerhalb des binären Geschlechtersystems positioniert, über ihre gemeinsame Beziehung und ihre eigene Schwangerschaft durch künstliche Befruchtung erzählt, ist ein solches Statement. Das Buch, das man als Langessay bezeichnen kann, ist nicht nur eine Positionierung der Autorin als Intellektuelle, die ihr Leben auch anhand philosophischer Diskurse erzählt, sondern auch eine Auseinandersetzung mit der Frage des Selbsterzählens. Wie weit darf und möchte man die Offenheit treiben? Wie viel Rücksicht muss man auf andere Menschen, gerade Familienmitglieder nehmen? Die Ehrlichkeit und die Selbstverständlichkeit aber, mit der Nelson von ihrer queeren Familie und der eigenen Sexualität schreibt, ist vielleicht das Beeindruckendste an The Argonauts. Da ist das nonfiktionale Schreiben dann nicht mehr nur Selbsterkundung, es ist Aufklärungsarbeit und Emanzipation.

Wenn andere – vor allem weiße, cis Männer – über Jahrzehnte deine Identität bestimmen, weil sie und die von ihnen geschaffenen Strukturen in den meisten Fällen darüber verfügen, wessen Stimme überhaupt an die literarische Öffentlichkeit gerät, hat es eine umso größere Wirkung, wenn diese zurückgedrängten Stimmen endlich Gehör finden.

Das zeigt sich unter anderem in Veröffentlichungen wie +FLEXEN Flâneusen schreiben Städte (Verbrecher Verlag 2019) und +Eure Heimat ist unser Albtraum (Ullstein 2019). Während FLEXEN Texte von Frauen und queeren Menschen versammelt, die sich in (größtenteils) nonfiktionalen Essays und Erzählungen den urbanen Raum erschreiben und für sich neu definieren, ist Eure Heimat ist unser Albtraum eine Zusammenstellung von Essays von vierzehn deutschsprachigen Autor*innen, die aufgrund von Aussehen und Namen in Deutschland immer wieder Rassismus erfahren. Die beiden Bände sind Zeichen dafür, dass sich auch im deutschsprachigen Raum langsam ein Bewusstsein dafür durchsetzt, was die Form des nicht fiktionalen literarischen Erzählens in Form von Essays leisten kann und was sie an emanzipatorischem Potenzial mit sich bringt.

Wie nonfiktionales Erzählen tatsächlich Wahrnehmung verändert, stellt Tolentino in ihrem Essay The Cult of the Difficult Women dar. Sie beschreibt, wie durch das Neuerzählen und die daraus entstehende Neuperspektivierung von Narrativen über berühmte Frauen (Monica Lewinsky, Britney Spears, Hillary Clinton), unser Blick auf diese Frauen verändert wird:

The reframing of female difficulty as an asset rather than a liability is the result of decades and decades of feminist thought coming to bear—suddenly, floridly, and very persuasively—in the open ideological space of the internet. It’s been solidified by a sort of narrative engineering conducted both retrospectively and in real time: the rewriting of celebrity lives as feminist texts.

Ähnliches geschieht auch in Lisa Taddeos +Three Women (2019), darin erzählt die Autorin parallel die Geschichte dreier Frauen, die sie über Jahre begleitet hat. Frauen, die von ihrem Umfeld oder der Öffentlichkeit in ein bestimmtes – negatives – Licht gerückt wurden: als schlechte Mutter, als „Schlampe“ und mehr. Taddeo kehrt die Perspektive um und erzählt die Geschichten dieser Frauen neu, ohne den strukturell und teilweise offen sexistischen Impetus der bekannten Narrative.

Tolentinos Essays sind ein gutes Beispiel dafür, wie dieses Erzählen eine aufklärende und gleichzeitig emanzipative Leistung sein kann. Ihre Texte sind eine elegante Verschränkung von Selbstnarrativierung und dem Sichtbarmachen von sich verändernden Diskursen und Perspektiven, die wiederum auf die Leser*innen einen Effekt haben.:

It’s also a personal matter, because when we reclaim the stories that surround female celebrities, stories surrounding ordinary women are reclaimed, too.

Dadurch, dass Autor*innen wie Maggie Nelson, Jia Tolentino, die Beiträger*innen der Bände FLEXEN und Eure Heimat ist unser Albtraum sich selbst neu erzählen und ihre Identität darstellen, emanzipieren und definieren sie sich nicht nur nach ihren eigenen Maßstäben, sondern sie leisten tatsächlich auch Aufklärung und Emanzipationshilfe für ihre Leser*innen.

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