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Vea Kaiser

Rückwärtswalzer

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REZENSIONEN
ZUSAMMENFASSUNG
Der neue große Roman der SPIEGEL-Bestseller-Autorin. Voller Verve, Witz und Herzenswärme erzählt Vea Kaiser von einer Familie aus dem niederösterreichischen Waldviertel, von drei Schwestern, die ein Geheimnis wahren, von Bärenforschern, die die Zeit anhalten möchten, und von den Seelen der Verstorbenen, die uns begleiten, ob wir wollen oder nicht. Als Onkel Willi stirbt, stehen der Drittel-Life-Crisis geplagte Lorenz und seine drei Tanten vor einer Herausforderung. Willi wollte immer in seinem Geburtsland Montenegro begraben werden. Doch da für eine regelkonforme Überführung der Leiche das Geld fehlt, begibt man sich kurzerhand auf eine illegale Fahrt im Panda von Wien Liesing bis zum Balkan. Auf der 1029 Kilometer langen Reise finden die abenteuerlichen Geschichten der Familie Prischinger auf kunstvolle Weise zueinander. Mirl, die älteste der Schwestern, muss nach dem Krieg schon früh Verantwortung übernehmen und will nur weg aus dem elterlichen Gasthof, weg vom Land. Doch weder die Stadt noch ihre Ehe entwickeln sich so, wie sie es sich erträumte. Wetti interessiert sich bereits als Kind mehr für Tiere als für Menschen. Als Putzfrau im Naturhistorischen Museum kennt sie die Präparate der Sammlungen bald besser als jeder Kurator, und als alleinerziehende Mutter einer dunkelhäutigen Tochter schockiert sie die Wiener Gesellschaft. Und Hedi, die Jüngste im Bunde, lernt Willi zu einem Zeitpunkt in ihrem Leben kennen, an dem sie mit selbigem fast schon abgeschlossen hat. Denn die drei Schwestern haben in jungen Jahren einen schweren Verlust erlitten. Und sie alle geben sich die Schuld daran.
BIOGRAFIE
Vea Kaiser wurde 1988 geboren und lebt in Wien, wo sie Altgriechisch, Latein und Germanistik studierte. Mit 23 Jahren veröffentlichte sie ihren Debütroman »Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam«, der ebenso wie ihr Zweitling »Makarionissi oder Die Insel der Seligen« zum Bestseller avancierte und in mehrere Sprachen übersetzt wurde. »Rückwärtswalzer« ist ihr dritter Roman.

PRODUKTDETAILS

Erscheinungsdatum
07.03.2019
Ausgabe
Hardcover
ISBN
9783462051421
Sprache
German
Seiten
419
Schlagworte
Abschied, Wien, Balkan, Roadtrip, Zusammenhalt, Tod, Walzer, Blasmusikpop, Nachkriegszeit, Familiengeschichte, Humor
MOJOS
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REZENSIONEN
Bewertet von awogfli, nonostar und 3 andere
awogfli
nonostar
czytelniczka73
morningside
bella5
Immer Ärger mit Bernie auf austro-jugoslawisch Als ich die Buchdeckel des Romans nach dem Lesen schloss, war ich erheitert, entzückt, verzaubert und auch traurig, weil die Geschichte schon zu Ende war. Das liegt vor allem auch daran, dass die in der Überschrift angesprochene Hollywoodklamotte mit dem toten Bernie auf seiner Tour nur einen kleinen Teilaspekt dieser wundervollen tragikomischen Familiengeschichte der Prischingers darstellt, die auch noch einen realen problematischen wirtschaftlichen Hintergrund aufweist. Im Gegenwartserzählstrang ist der Willi-Onkel, der ursprünglich aus Montenegro stammt, im Bett sanft entschlafen. Da er unbedingt in seiner Heimat begraben werden wollte und seine gesamte Familie auf Grund von finanziellen Problemen das Geld für die Überführung nicht aufbringen kann, wird er kurzerhand eingefroren und auf dem Beifahrersitz in einer 12-stündigen Autofahrt (berechnet ohne Pausen) an seinen Geburtsort verfrachtet. Mit von der Partie sind: Lorenz der Neffe seiner drei Tanten, als arbeitsloser Schauspieler auch ständig in finanziellen Kalamitäten, Tante Hedi, die Frau von Willi, die das Geld der Sterbeversicherung ihres Mannes vorab schon durch die Investition in den veganen Onlineshop der Tochter verbrannt hat, Mirl, die nach einer finanziell erfolgreichen Scheidung zwar ihrem Ex das letzte Hemd ausgezogen, dann aber alles Geld an einen Heiratsschwindler verloren hat und Wetti, die als alleinerziehende Mutter einer dunkelhäutigen Tochter ohnehin nie auf der Butterseite der Gesellschaft lebte. In Rückblenden wird sowohl die Geschichte von Willis Familie im ehemaligen Jugoslawien als auch die der gesamten Prischinger-Mischpoche aufgerollt, und in diesem Fall dreht sich die heitere Tonalität der Gegenwart sehr schnell in eine sehr ernsthafte von bitterer Armut, Trauer, Leid und Katastrophen geprägte Geschichte. Sowohl die Prischingers, aus dem Waldviertel stammend, als auch Willi hatten es in ihrer Kindheit und Jugend nie leicht. Als Fangirl der Autorin seit ihrem Erstlingswerk Blasmusikpop, das ich auch hier in goodreads bereits besprochen habe, hat es mich auch noch besonders gefreut, dass ein Teil der Handlung sogar bei mir zu Hause im Bezirk Krems/Gföhl spielt, da Sepp, der Vater von Lorenz, als Magistratsdirektor der Stadt arbeitet. Da werden die sehr liebevoll beschriebenen Szenen und Lokalitäten, die sich natürlich durch den gesamten Roman ziehen, doppelt so wertvoll. Vea Kaiser hat sich aber auch im Ausland sehr viel Mühe gegeben. Nach ihren Ausführungen im Interview in der Sendung literaTOUR ist sie selbst mit dem Auto auf Onkel Willis Spuren in einer fact finding mission bis nach Montenegro gefahren. Ein Teil der Strecke ist auch nahezu jedem Ostösterreicher wohlbekannt, denn dies ist die Hauptroute für den Urlaub in den Süden, sei es nach Triest, Slowenien oder Kroatien, dort waren fast alle von uns irgendwann einmal schon seit den 80er-Jahren. Als man sich den ersten Urlaub leisten konnte, fuhren die Wiener und Niederösterreicher und Oststeirer nicht nach Italien, sondern nach Jugoslawien, weil das Meer viel schneller zu erreichen und der Urlaub nicht so teuer war. An der Raststation Gralla, der letzten Labstation vor der slowenischen Grenze, an der man heutzutage immer eine Autobahnvignette kaufen sollte, treffen sie auf einen Bus bulgarischer Pflegerinnen, die natürlich auf Grund ihres Berufes sofort erkennen, dass Onkel Willi am Beifahrersitz nicht schläft, sondern tot ist. Sie finden aber nichts dabei, Verstorbene auf diese Weise auf ihrer letzten Reise nach Hause zu transportieren, haben sie dies aus Geldmangel auch schon mehrmals mit Ihrem Bus praktiziert. Als Profis wissen sie sich zudem zu helfen und verschaffen dem gefrorenen Onkel Willi ein besseres Make-up, das ihn gesünder und frischer erscheinen lässt. Die Figuren sind genauso wie die beschriebenen Orte wundervoll und sehr tief entwickelt, jeder der Protagonisten hat so seine schrägen Marotten, Probleme und Traumata, die sich aus der Vergangenheit schlüssig nach und nach ergeben. Zudem werfen einige Familienmitglieder sehr entwaffnend mit hintergründigen Weisheiten um sich. So demonstriert Tante Wetti am furiosesten, wie man eine Person of Color (POC) auch beschreiben kann, entwaffnet und entlarvt somit vorab schon jegliche rassistische Anwandlung. Tante Wetti rockt sowieso mit ihren pointierten Aussagen den gesamten Roman und ist meine absoulte Lieblingsfigur von allen Personen, von denen alle irgendwie – zumindest ein bisschen – symphatisch gezeichnet wurden. "Mein Kind ist ein Mensch mit etwas mehr Melanin in der Basalschicht ihrer Epidermis als der milchrahmstrudelfarbene Österreicher, wieso beschäftigt das die Leute so?" Die Handlung in der Gegenwart strotzt nur so von wundervoller absurder Situationskomik und gipfelt in einem ans Herz gehenden Happy End. Zudem hält auch die Familiengeschichte von Willi aus der Vergangenheit einige überraschende Wendungen parat. Der Roman ist also nicht nur lustig und traurig, sondern zudem auch hintergründig, nachdenklich machend und teilweise richtig spannend. Fazit: Für mich ein genialer Buchstoffhöhepunkt 2019 und trotz der vielen guten Bücher, die ich heuer schon lesen durfte, bis jetzt Number One gemeinsam mit einem anderen Werk, das das genaue Gegenteil dieses optimistischen Romans darstellt. Ich habe lange nach einem Kritikpunkt gesucht, aber für mich einfach keinen gefunden. Ach ja die Manen im Untertitel des Romans sind kein Orthografiefehler sondern die altrömischen Geister der toten Verwandten, die aus dem Jenseits auf ihre lebende Familie aufpassen und alles zum Guten wenden, wenn sie ordentlich begraben werden. Diese Aufgabe hat der verblichene Onkel Willi sowas von übererfüllt, dass es eine Freude ist.
4 Wows
Lorenz lebt in Wien und ist ein gescheiterter Schauspieler, verschuldet und von seiner Freundin verlassen worden. Notgedrungen kommt er bei seinen drei Tanten Mirl, Wetti und Hedi unter, die das alles nicht so schlimm finden. Immerhin ist niemand ernsthaft zu schaden gekommen oder gestorben. Doch dann wacht Hedis Mann Willi plötzlich nicht mehr auf und die vier beschließen Willi seinen letzten Wunsch zu erfüllen: in Montenegro bei seiner Familie begraben zu werden. Blöderweise hat Hedi das dafür gesparte Geld heimlich ihrer Tochter gegeben, damit diese ihren veganen Online-Shop eröffnen kann. Lorenz und seinen Tanten bleibt also nichts anderes übrig, als Willi ins Auto zu verfrachten und über die Grenzen bis nach Montenegro zu schmuggeln. Dass dabei allerhand schief gehen kann wundert niemanden. Vea Kaiser hat einen unglaublichen Schreibstil und eine unvergleichliche Art Geschichten zu erzählen. Die drei Schwestern haben alle ihre Schrullen und Macken, doch ihre Kindheit in den Bergen hat sie fest zusammengeschweist und trotz immerwährenden Streitereien raufen sie sich zusammen, wenn es darauf ankommt. Willi der anfangs noch versucht die drei Schwestern zu selbstständigen Frauen zu machen, fügt sich irgendwann in sein Schicksal und ist mit seiner Art oft der Ruhepol in der Familie. Die Dialoge und trockenen Kommentare der Familie haben mich immer wieder zum Lachen gebracht aber gleichzeitig haben mich ihre Sorgen auch sehr berührt. Abwechselnd erfahren wir mehr über die Kindheit der Schwestern und von Willi und wie ihr Leben verlaufen ist bis sie schließlich alle in Wien zusammen kommen. Wir erleben mit ihnen ihre Kindheit, Trauer, Wut und Resignation, aber auch Liebe und Zusammenhalt. Lorenz war anfang ein sehr schwieriger Charakter, wehleidig und furchtbar unselbstständig, ein junger Mann, der sein Scheitern im Leben nicht wahrhaben will. Umso schöner fand ich seine Entwicklung auf der Fahrt nach Montenegro, am Ende scheint er im Leben angekommen zu sein. Mit "Rückwärtswalzer" hat Vea Kaiser einen warmherzigen und humorvollen Roman geschaffen, der zeigt, wie wichtig und wie schön der Zusammenhalt in einer Familie sein kann. Die drei Frauen haben ihr Leben mit vielen Schicksalsschlägen erfolgreich gemeistert und denken gar nicht daran aufzugeben. Ein toller Roman, der Spaß macht zu lesen und mich tief im Innern berührt hat.
1 Wow
czytelniczka73
"Niemand wird zurückgelassen " Als Willi unerwartet stirbt,stehen die Prischinger Schwestern vor einem großen Problem.Willi hat immer gewolt in Montenegro bei seiner Schwester begraben werden,aber das Geld,das er für diesen Zweck gespart hat ist weg.Die einzige Lösung ist Willi in ein Auto zu setzten und ihn nach Montenegro zu fahren.Da die Damen schon älter sind und zwar Führeschein besitzen,aber nie gefahren sind,kommt eigentlich nur der Neffe Lorenz als Fahrer in Frage.Natürlich ist Lorenz von der Idee nicht begeistert,es ist ilegal und man sollt die Menschen mit Würde bestaten. "Würde kostet fast achttausend Euro,Lorenz.Wenn du irgendwann gelernt hättest,wie viel ein Euro wert ist,dann würdest du nicht so groß reden." Lorenz ist skeptisch,aber er verdankt seinen Tanten sehr viel,sie haben ihn nicht nur in seiner Studentenzeit durchgefuttert,sondern erst vom Kurzem,völlig pleite und von der Freundin verlassen,bei sich aufgenommen.Und letztendlich,egal was kommt,hält die Familie Prischinger immer zusammen. "Im Grunde argumentierten seine Tanten und Herr Ferdinand wie Antigone: Was ist schon das Gesetz,wenn es darum geht,einem Verstorbenen die letzte Erhe zu erweisen."So machen sich alle auf den Weg nach Montenegro. "Rückwärtswalzer" ist ein leichtfüßiger und unterhaltsamer Roman über das Leben,das nicht immer fair spielt und über die Familie,die das Leben erträglicher macht.Dabei sind auch unsere Versstorbenen wichtig,weil sie ein Teil von sich bei uns lassen.Die Gegenwart der Geschichte (aus der Sicht von Lorenz Sicht geschrieben) ist größtenteils humorvoll und bisschen schräg,die Vergangenheit (die Lebensgeschichten von Mirl,Wetti,Hedi und Willi) sehr berührend,mir hat das am meisten gefallen.Vea Kaiser hat hier eine perfekte Mischung aus Unterhaltung und Tiefgründigkeit erschaffen und das Ergebnis ist ein wunderbarer,warmherziger Roman,der mich einfach mitreissen konnte.Ich bin auch ganz von den Figuren begeistert,ich kann mich einfach an kein anderes Buch erinnern,in dem ich die Charaktere so liebenswürdig (un so schräg) fand ,wie die gesamte Familie Prischinger.Mein Fazit:anspruchsvolle Lieteratur,mit hohen Unterhaltungswert ,die leicht und angenehm zum lesen ist-dafür gebe ich sehr gerne 5 Sterne und meine vollste Empfehlung.
3 Wows
Lorenz ist eine Art verkrachte Existenz. Er hat nur bescheidenen Erfolg als Schauspieler, führt eine nicht gerade glückliche Fernbeziehung und weiß wieder einmal nicht, wie er seine nächste Miete bezahlen soll. Also kommt er für einige Zeit bei Onkel und Tante unter, in der Hoffnung auf bessere Zeiten. Mirl, Wetti und Hedi sind 3 in den 40ern geborene Schwestern. Alle leben in Wien - trotz separater Wohnungen - praktisch im Haushalt von Hedi und deren Mann Willi zusammen. Als Willi eines Tages überraschend stirbt, werden die Schwestern vor ein Problem gestellt, denn Hedi hat ihrem Mann immer versprochen, dass er einmal in seiner Heimat Montenegro beerdigt werden würde. Da für eine Überführung das Geld fehlt, macht sich Lorenz mit seinen 3 Tanten und einem tiefgekühlten Onkel Willi im Panda auf den über 1000 km langen Weg nach Montenegro. Eingangs möchte ich gleich erwähnen, dass diese Reise eigentlich nicht das Kernstück des Romans darstellt, sondern eher einen Rahmen für längst Vergangenes. Nicht jeder Roman, der von einer Reise handelt, ist ein Roadmovie. Aktuelle Kapitel lösen sich mit Rückblenden in die Vergangenheit ab. So gleitet man immer mehr in die Geschichte der Geschwister Prischinger und Willis hinein und langsam ergibt sich ein komplexes Bild, wie alles zusammen hängt. Auch Lorenz lernt einiges über sich selbst und seine Mitmenschen. Vea Kaiser beherrscht bravourös die Gratwanderung zwischen Ernsthaftigkeit und Groteske. Ihr Roman gleitet nie ins Comedyhafte ab sondern er sprüht vor charmantem, typisch österreichischem Witz. Die Charaktere sind so tief und liebevoll entwickelt, dass man sie förmlich vor sich sieht. Die Anerkennung in der Gesellschaft suchende Mirl, bei der immer alles herausgeputzt und 1a aussehen muss. Die recht unkomplizierte Hedi, die von allen Schwestern am meisten Schuldgefühle mit sich herum schleppt oder die etwas spezielle Wetti, für die Natur immer wichtiger war als menschliches Miteinander. Eines jedoch eint die Schwestern: ihr Familiensinn und das Zugehörigkeitsgefühl zu den 3 weiblichen Musketieren. Und Willi ist ohnehin ein Goldstück! Vea Kaisers Schreibstil ist unglaublich locker und gekonnt. Man fühlt sich sofort mitgenommen und legt das Buch nur höchst ungern aus der Hand. Die Dialoge sind spritzig und das Geschehen - vor allem das der Vergangenheit - fesselt bis zur letzten Seite. Für mich ist dieses Buch das bisherige Highlight des Jahres!
Wow
Gerne empfehle ich diesen Roman zur Lektüre. Die Österreicherin Vea Kaiser ist Spezialistin für skurrile, kluge Geschichten. Nach ihrem Erstling „Blasmusikpop …“ und dem zweiten Roman „Makarionissi“ präsentiert sie nun mit „Rückwärtswalzer“ ihr drittes Werk, und was soll ich sagen, es ist wieder ein gelungenes Werk, ein schwarzhumoriger Familienroman. Sprachlich und stilistisch bewegt sich Kaiser auf hohem Niveau, ich mochte besonders die Austriazismen und man merkt, dass ihr das Studium der Geisteswissenschaften zugute kommt. Wendungen wie „Ist der Patriarch orthodox“ lassen an den Ausspruch „Ist der Papst katholisch“ denken. Auch inhaltlich kann „Rückwärtswalzer“ überzeugen, obwohl das Element „Roadtrip-mit- Leiche“ in Film und Literatur schon oft strapaziert worden ist, etwa auch im serbischen Film „Frozen Stiff“aus dem Jahr 2002 (Zwei Brüder schmuggeln die Leiche ihres Großvaters im Zug aus Belgrad an den Bestattungsort ). Aber ist nicht Kunst letztendlich Recycling, Sampling. Zitieren ist schliesslich erlaubt, und Kaiser baut Erzählelemente ein, die bewusst an angloamerikanische Schriftsteller- Kollegen denken lassen. Zum Inhalt: Die Handlung beginnt zunächst in Wien. Einer der Protagonisten ist Lorenz. Er ist Schauspieler und mit der Miete im Rückstand, es ist fraglich, ob er seine schicke Wohnung in einem angesagten Wiener Bezirk halten können wird, denn seine Freundin weilt im fernen Heidelberg (bei den Piefkes), wo sie an der Universität arbeitet. Abgesehen von der finanziellen Unterstützung fehlt Lorenz auch der emotionale Rückhalt, ohne seine Liebste, Stephi, fühlt er sich wie ein „losgelassener Heliumballon“ ohne Bodenhaftung. Mit der Hoffnung auf ein Mittagessen besucht Lorenz eines Tages Verwandte, die Familie Prischinger, die Tanten Mirl, Hedi und Wetti. Vea Kaisers Roman ist gespickt mit skurrilen Figuren, ganz nebenbei ist es auch ein Buch über Emigration und Immigration, ein Mann, der „Bilanzbuchalter in Bosnien“ war, arbeitet in Österreich als Taxifahrer, vermutlich ist sein Diplom in der neuen Heimat wertlos. Als Lorenz bei der Familie ankommt, holt die bittere Realität ihn in Form von Onkel Willi ein. Dieser stammt aus Montenegro, einer ehemaligen jugoslawischen Teilrepublik. Seit 40 Jahren lebt Willi „ohne Akzent“ im Alpenstaat und er ist vollständig assimiliert, nur das rollende R verrät seine Herkunft, außerdem ist er ein begeisterter Anhänger des exjugoslawischen Präsidenten (Josip Broz „Marschall“) Tito. Willi, ganz Realist, sagt, dass Lorenz ja an der Schwimmbadkasse jobben könne, was Lorenz jedoch vehement ablehnt. Einmal Künstler, immer Künstler! Aber auch Willi hat so seine Probleme, er konnte zum Beispiel seine Tochter, eine militante Veganerin, nicht zum Altar führen, und das fuchst ihn ungemein. Die Geschichte der Familie Prischinger wird im Roman bis in die fünfziger Jahre hinein „aufgedröselt“. Kaisers Roman ist einerseits ein Kommentar zum Zeitgeist und andererseits eine Liebeserklärung an Wien, das vor dem „Anschluss“ an das nationalsozialistische Deutschland eine blühende Filmindustrie hatte – viele österreichisch – jüdische Künstler, etwa Billy Wilder, fanden eine neue Heimat in den USA, ein neues Betätigungsfeld in Hollywood. Als Onkel Willi unerwartet stirbt, ist guter Rat teuer – eine Überführung ist teuer, und so macht sich Familie Prischinger sozusagen mit Leiche im Gepäck auf nach Montenegro, um dem Toten seinen letzten Wunsch zu erfüllen, und Lorenz lernt auf der Reise, dass Blut dicker als Wasser ist…
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