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Johannes Wilkes

Abgestürzt

Krimi
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REZENSIONEN
ZUSAMMENFASSUNG
Eine junge Frau und drei Männer, die um sie kämpfen. Bis in den Tod? Das soll eine Gerichtsverhandlung im legendären Saal 600 des Nürnberger Schwurgerichts klären. Der Afghane Fersal, geflüchtet, abgeschoben und erneut vor den Taliban aus seiner Heimat geflohen, ist des Mordes angeklagt. Ihm gehört Marias Herz. Doch sie hat Cornelius geheiratet, den beliebten Kinderarzt. Nun muss ein Gericht klären, ob Fersal ihn von einer Brücke in den Tod gestürzt hat. Der Journalist Dirk soll über den Prozess berichten, in dem seine unerreichbare Jugendliebe Maria eine zentrale Rolle spielt. Wird sie ihn endlich erhören, wenn Fersal verurteilt wird? Und dann ist es ausgerechnet Dirk, in dessen Händen Fersals Schicksal liegt ...

PRODUKTDETAILS

Erscheinungsdatum
© 2019
Ausgabe
Paperback
ISBN
9783954751877
Sprache
German
Seiten
226
Schlagworte
Nürnberg, Terroristen, Bundeswehr, Kriegsversehrter, Nürnberger Prozesse, Schwurgerichtssaal, Erlangen, Franken Krimi, Afghanistan-Einsatz, Flüchtling, Justiz-Krimi
MOJOS
Mojos von DasIgno
dasigno
Schöner, nicht zu prozesslastiger Gerichtskrimi. Wie Wilkes mit seinen Themen (insbesondere Rassismus) umgeht, gefällt mir wirklich gut.
REZENSIONEN
Bewertet von DasIgno
dasigno
Saal 600 des Nürnberger Justizpalastes, der legendäre Schauplatz der Nürnberger Prozesse, ist der Ort, an dem geklärt werden soll, ob Fersal Jedden seinen Freund Cornelius Fischer ermordet hat. Fersal kam als Geflüchteter aus Afghanistan, verliebte sich in die in der Geflüchtetenhilfe engagierte Maria Fischer – Cornelius’ Partnerin – und am Ende stirbt Cornelius. Dirk Zimmermann, kriegsversehrter Gerichtsreporter und seit Kindesbeinen unsterblich in Maria verliebt, beobachtet den Prozess und kämpft mit seinen inneren Dämonen. Was geschah wirklich in der Nacht vom 3. auf den 4. September 2016? Ich muss gleich sagen, ›Abgestürzt‹ war mein erster Gerichtskrimi. Ich habe mich vor dem Genre immer gedrückt, weil es zu viel Potenzial zu Langatmigkeit hat. Auf ein Rezensionsexemplar habe ich mich eigentlich nur auf gut Glück beworben, weil Johannes Wilkes auch Inselkrimis schreibt – ein Genre, auf das ich wegen des trockenen Humors der Nordlichter total stehe – und mich das Thema grundsätzlich sehr interessiert. Ich wurde positiv überrascht. Zum Technischen: In ›Abgestürzt‹ steht, gemessen an den Textanteilen, weniger der Prozess an sich, als die Hintergründe der drei Protagonisten im Fokus. Einfühlsam erzählt Wilkes, wie sie zu den Menschen wurden, die sie heute sind und wie es zum schicksalhaften Tag gekommen ist. Den Tathergang an sich lässt er dabei bis zum Schluss mehr oder weniger offen. Besonders Dirks innere Kämpfe tragen dies maßgeblich. Wilkes spielt nicht wild mit Spannungsspitzen, er baut die Spannung von Beginn bis Ende kontinuierlich auf. Das fand ich, besonders für einen Krimi, ungewohnt, trotzdem tat es dem Buch gut. Es wurde unberechenbarer, weil die Spannungsspitzen zu den gewohnten Zeitpunkten eben nicht kamen. Insgesamt hat das Buch mit 226 Seiten für mich genau die richtige Länge. Ich habe es bequem in zwei Tagen durchgelesen und es fiel mir trotz der flachen Spannungskurve schwer, es weg zu legen. Wäre es länger, wäre die Spannungskurve wahrscheinlich noch weiter abgeflacht, dann wäre das vielleicht anders gewesen. Über dem gesamten Prozessverlauf schwebt das Wetter bzw. das Klima im Gerichtssaal. Das fiel mir bewusst zwar relativ spät auf, ist aber ein feines Detail, weil es die jeweilige Stimmung im Saal unterstützt. Mein Highlight waren dabei die Episoden mit Gerichtsdiener Gerd Diehl, den ich im Laufe des Buches etwas vermisst habe. Die Figur Diehl ist genau dieses trocken humoristische Element aus der Küstenliteratur. Ich liebe das. Neben den ausführlichen Retrospektiven bis zurück in die Kindheit der drei Protagonisten, die so einfühlsam geschrieben sind, dass sie kaum langatmig werden, lässt Wilkes immer wieder gesellschafts- und systemkritische Episoden einfließen. Gerade bei denen, die sich auf historische Begebenheiten bezogen, war mir vieles unbekannt. Die ambivalente Rolle Richard von Weizsäckers in den Nürnberger Prozessen beispielsweise oder auch die Entwicklung der deutsch-afghanischen Beziehungen unter Amanullah Khan, in denen Wilkes die Ursache für das ›Wunschziel Deutschland‹ der heutigen Geflüchtetenbewegungen ausmacht. Dazu kommen kritische Episoden zur deutschen Beteiligung am Afghanistan-Krieg aus Soldatensicht, zur Grausamkeit des Asylrechts, der Justiz an sich oder der NS-Aufarbeitung. Beinahe nahtlos fügt Wilkes diese Episoden in seine Geschichte ein, das gefällt mir sehr. Eine besondere Rolle lässt Wilkes Rassismusentwicklung zufallen, indem er sie zum Teil von Dirks innerem Kampf macht. Da Dirks ursprünglicher Beweggrund sich in die Geflüchtetenhilfe einzubringen nicht die Geflüchteten sondern Maria war, wird er an der Stelle auch nicht unglaubwürdig. Auch Cornelius bekommt eine sehr kurze Episode dieser Art, hier erhält Wilkes die Glaubwürdigkeit seines Charakters, indem es wohl wirklich nur nach einem Ausrutscher im Affekt aussieht. Mir persönlich ist Dirks Entwicklung zwar irrational, aber unsere Zeit zeigt, dass so einfache, vermeintliche Kausalketten durchaus Usus sind. Sie gerade in der Literatur zu behandeln ist wichtig, um ein Gefühl für die Irrationalität zu etablieren. Daher gefällt mir auch sehr, dass Wilkes die wechselnde Stimmung im Publikum auffängt und, was die Prognosen für den Prozessausgang angeht, der Nüchternheit der Journalisten gegenüber stellt. Alles in allem hatte ich viel Spaß mit ›Abgestürzt‹. Das Buch ist angenehm geschrieben und so aufgebaut, dass die Spannung nie abreißt. Und es lädt zum Nachdenken ein. Wäre da nicht Marias Schwangerschaft, hätte ich ihm volle 5/5 gegeben, so wären es 4,5.

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