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Norbert Gstrein

Als ich jung war

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ZUSAMMENFASSUNG
"Norbert Gstrein ist ein Meister des 'zwielichtigen' Erzählens. Er setzt Zeichen um Zeichen. Man folgt seinem Konstrukt und seinem bewundernswert klaren Satzbau mit Spannung." Aus der Jurybegründung zur Verleihung des Österreichischen Buchpreises 2019 Am Anfang ist da nur ein Kuss. Aber gibt es das überhaupt, nur ein Kuss? Franz wächst im hintersten Tirol auf. Er fotografiert Paare "am schönsten Tag ihres Lebens", bis bei einer Hochzeitsfeier die Braut ums Leben kommt. Was hat das mit ihm zu tun? Was damit, dass er nur Wochen zuvor am selben Ort ein Mädchen geküsst hat? Vor diesen Fragen flieht er bis nach Amerika. Doch dann stirbt auch dort jemand: ein Freund, in dessen Leben sich ebenfalls mögliche Gewalt und mögliche Unschuld die Waage halten. Was wissen wir von den anderen? Was von uns selbst? Hungrig nach Leben und sehnsüchtig nach Glück findet sich Franz in Norbert Gstreins Roman auf Wegen, bei denen alle Gewissheiten fraglich werden.
BIOGRAFIE
Norbert Gstrein, 1961 in Tirol geboren, lebt in Hamburg. Er erhielt unter anderem den Alfred-Döblin-Preis, den Uwe-Johnson-Preis und 2019 den Österreichischen Buchpreis. Bei Hanser erschienen Die Winter im Süden (Roman, 2008), Die englischen Jahre (Roman, Neuausgabe 2008), Das Handwerk des Tötens (Roman, Neuausgabe 2010), Die ganze Wahrheit (Roman, 2010), In der Luft (Erzählungen, Neuausgabe 2011), Eine Ahnung vom Anfang (Roman, 2013), In der freien Welt (Roman, 2016), Die kommenden Jahre (Roman, 2018) und Als ich jung war (Roman, 2019).
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REZENSIONEN
Bewertet von Fabian Thomas und miss_mesmerized
fabianthomas
miss_mesmerized
„Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen“ – mit dem berühmten Zitat von William Faulkner lässt sich auch die Anlage von Norbert Gstreins neuem Roman Als ich jung war (Hanser Verlag) beschreiben, der dieses Jahr den Österreichischen Buchpreis gewonnen hat. Erzählt wird die Geschichte von Franz, der in Tirol auf dem Gasthof seiner Eltern als „Hochzeitsfotograf“ engagiert wird. Der Gasthoft, scherzhaft als „Hochzeitsfabrik“ tituliert, hat sich ganz auf diese Unternehmung verlegt – und somit bekommt Franz Paar für Paar vor die Linse und ein gutes Händchen dafür, im richtigen Moment abzudrücken und das „Glück des Augenblicks“ festzuhalten. Der plötzliche Todesfall einer Braut beendet seine Tätigkeit dann aber abrupt, Franz geht in die USA, wo er die kommenden 13 Jahre lang als Skilehrer im verschneiten Montana arbeitet. Auch hier kommt es aber wieder zu einem Schicksalsschlag: Sein persönlicher Schüler, der ältere Professor Moravec, bringt sich auf der Abfahrt um, indem er ungeschützt gegen einen Baum rast. Dass im Hintergrund eine unglückliche Liebesgeschichte stand, der Professor ungewöhnliche sexuelle Vorlieben und ein vor Franz völlig verborgenes Familienleben hatte, wird erst nach und nach klar. Zurück in Österreich hat der Bruder von Franz den Gasthof der Eltern übernommen und bringt die „Hochzeitsfabrik“ wieder in Gang. Franz, ebenfalls von einem Skiunfall schwer lädiert, versucht in sein altes Leben zurückzufinden. Ihm das Leben schwer macht ein Kommissar, der den alten Todesfall vor 13 Jahren nicht ruhen lassen will. Gstrein verquickt in diesem hochspannend und raffiniert gebauten Roman Thriller-Elemente mit existentialistischen Fragen: Wieviel wissen wir vom anderen? Wie erzählen wir uns unser eigenes Leben? Besonders macht den durchgehend aus der Ich-Perspektive erzählten Roman die nicht gerade zuverlässige Figur des Franz, der die Details des Erzählten immer nur scheibchenweise preisgibt und das Erzählte permament unter Zweifel stellt.
5 Wows
Franz wächst in den Tiroler Bergen auf, wo seine Eltern ein Hotel haben, in dem regelmäßig Hochzeiten ausgerichtet werden. Dass die Kinder mithelfen müssen, steht außer Frage und so wird der Junge schon früh zum Hochzeitsfotograf, der den schönsten Tag im Leben der Verliebten für immer festhalten soll. Ein mysteriöser Suizid einer Braut lässt ihn jedoch aus der Enge der Berge nach Jackson, Wyoming, flüchten, wo er sich als Skilehrer durchschlägt. Ach in der Ferne kann er jedoch Sarah nicht vergessen, offenbar seine große Liebe. Dem tschechischen Professor, der ihn engagiert hat, erzählt er von ihr, kurz bevor dieser verunglückt. Überhaupt häufen sich seltsame Todesfälle in Franz‘ Umgebung, so dass auf beiden Seiten des Atlantik ermittelt wird. Doch Franz kann sich die Vorkommnisse nicht erklären, Zufälle wohl, und kehrt nach einer schweren Verletzung zurück in die Heimat und das Familienhotel, wo er erneut mit der Vergangenheit konfrontiert wird. Man muss Norbert Gstreins Roman erst sacken lassen, bevor man das, was man da gelesen hat, so richtig begreifen kann. Die Nominierung für den österreichischen Buchpreis verwundert zunächst, je weiter die Gedanken jedoch um die Geschichte kreisen, desto klarer sieht man jedoch, welch genialer Einfall hier literarisch umgesetzt wurde. In Romanen geht es immer darum, was erzählt wird, bei Gstrein geht es jedoch viel mehr um das, was nicht erzählt wird, die Leerstellen sind es, die besonders interessant sind, die Lücken in der Erinnerung bzw. auch die bewussten Verdrängungen in der eignen Biografie. Der Ich-Erzähler schildert seine zunächst eher unspektakuläre Kindheit und die unzähligen Hochzeiten, die er erlebt und für die Ewigkeit festhält. Was er hier einfängt, weist schon daraufhin, dass ihm auch als Erzähler nicht zu trauen ist, denn nicht alles, was man sieht, entspricht der Wirklichkeit hinter dem Bild: „sie wollten alle auf den Fotos besser dastehen als in Wirklichkeit, aber dazu brauchte es nicht viel, dazu brauchte ich nur die billigsten Tricks anzuwenden, oder ich fotografierte an ihren Unvollkommenheiten und Menschlichkeiten vorbei.“ So wie er die Frischvermählten im besten Licht einfängt, schildert er auch sein eigenes Leben, das voller Unschuld zu sein scheint, bis am Rand die Zweifel ins Bild drängen. Der Tod der Braut, das Verschwinden einer Frau in den USA, die vermeintlich unschuldige Schwärmerei für Sarah, die sich jedoch dramatisch in eine ganz andere Richtung entwickelt - Franz erzählt sein Leben, wie er es sich zurechtgerückt hat. Doch Wesentliches scheint er dabei auszulassen. So wird der Roman fast zu einem Krimi und das Unbehagen beim Leser wächst. Mit was für einem Erzähler hat man es da zu tun, was hat er getan? So wie Franz nach dem Tod des Professors erkennt, dass er diesen eigentlich gar nicht kannte und nichts über ihn wusste, geht es einem mit dem Protagonisten ebenfalls. Ob er sich und die Welt bewusst täuscht und sich seine Realität so erschafft, wie er sie gerne hätte, oder ob seine Wahrnehmung tatsächlich so ist, bleibt ebenso offen wie vieles andere auch. Das nicht Gesagte, die Fragezeichen, die bleiben, machen den Reiz der Geschichte aus, deren klare Sprache eine Eindeutigkeit suggeriert, die jedoch keineswegs vorhanden ist. Und so muss man als Leser selbst die Ereignisse konstruieren und steckt damit mitten in der Geschichte.
3 Wows
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