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Aufzeichnungen eines Serienmörders
Young-Ha Kim

Aufzeichnungen eines Serienmörders

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ZUSAMMENFASSUNG
Tierarzt Byongsu Kim (70) ist »pensionierter« Serienmörder. Er verbringt seine Zeit damit, Klassiker zu lesen und Gedichte zu schreiben. Kurz nachdem er in seinem Viertel einem Mann begegnet, den er als seinesgleichen erkennt, wird bei ihm beginnende Demenz diagnostiziert. Um seine Tochter zu beschützen, plant der alte Mann, mit seinem schwindenden Gedächtnis kämpfend, einen letzten Mord.
BIOGRAFIE
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PRODUKTDETAILS

Erscheinungsdatum
01.03.2020
Ausgabe
Hardcover
ISBN
9783944751221
Sprache
German
Seiten
152
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REZENSIONEN
Bewertet von bookish.yvonne und Mario Keipert
yvonnetang
mariokeipert
Young-ha Kim ist mit “Aufzeichnungen eines Serienmörders” ein unglaubliches Werk gelungen. Allein die Idee ist vollkommen außergewöhnlich! Unser Protagonist: Byongsu Kim, 70 Jahre alt, “pensionierter” Serienmörder, wurde mit Alzheimer diagnostiziert. Byongsu führt mittlerweile ein ruhiges Leben, indem er Klassiker liest und Gedichte schreibt. Allerdings treibt sich ein Serienmörder in seinem Viertel herum. Als er eines Tages auf einen Mann trifft, erkennt Byongsu ihn sofort als seinesgleichen. Er sieht ihn immer häufiger in seiner Nähe und fürchtet um die Sicherheit seiner Tochter Unhi. Um sie zu beschützen, plant er deshalb einen letzten Mord, doch mit seinem schwindenden Gedächtnis ist das gar nicht so einfach. Mit seiner voranschreitenden Demenz vergisst er nämlich immer wieder, wer dieser Mann überhaupt ist und stützt sich auf Notizzetteln und einem Aufnahmegerät. Allerdings versteht er manche seiner Notizen selbst nicht mehr! Wir erleben hautnah mit, wie Byongsu um sein Gedächtnis kämpft und wie sehr ihn das frustriert. Das Buch ist in kurzen Absätzen eingeteilt und aus der Ich-Perspektive erzählt, sodass ich das Gefühl hatte, als würde ich die Notizzettel von Byongsu lesen und selbst nicht mehr wissen, was eigentlich Realität und was lediglich Einbildungen des alten Mannes sind. Manche Notizen sind triviale alltägliche Handlungen wie das Wasserkochen. Bei anderen Notizen merkt man wie verzweifelt sich Byongsu an sein Gedächtnis klammert. Mein einziger Kritikpunkt: Im Buch wird ein Haiku erwähnt und evtl. liegt es an der Übersetzung, denn es folgt nicht dem traditionellen Siebzehnsilbenmuster (5 / 7 / 5). Allerdings hat es sich laut der deutschen Haiku-Gesellschaft e.V. “mittlerweile unter vielen Haiku-Schreibern europäischer Sprachen eingebürgert, ohne Verlust des inhaltlichen Gedankengangs oder des gezeigten Bildes mit weniger als 17 Silben auszukommen”. Dementsprechend fällt wohl mein Kritikpunkt weg. Obwohl Byongsu nun wirklich keine Person, der man Sympathie entgegenbringt, denn er ist ein Serienmörder, falls ihr das vergessen habt, habe ich dennoch eine gewisse Zuneigung zu ihm gehegt. Ich kann es mir selbst nicht erklären, denn er ist reuelos und erzählt schon fast schwärmerisch von seinen Morden, die er als kostbare Erinnerungen ansieht. Besonders viel Lob verdient die Gestaltung des Buches! Die Radierung auf dem Schutzumschlag gefällt mir unglaublich gut und passt m.M.n. sehr gut zu einem dementen Serienmörder. Und das was unter dem Schutzumschlag hat mich auch sehr positiv überrascht. Häufig ist es lediglich einfarbig, aber bei “Aufzeichnungen eines Serienmörders” sind einzelne Wörter von Byongsu aufgedruckt, die auf die schwindenden Gedanken von ihm anspielen. Selbst bei den Seitenzahlen hat man sich etwas gedacht, denn je weiter man liest, desto mehr verblassen diese! Genauso wie Byongsus Gedächtnis.
Wow
Mario Keipert
Aufzeichnungen vom Rand der Existenz Wie oft habe ich das Herz-Sutra, das Sutra von der Vervollkommung der Weisheit des Herzens, auf Zen-Sesshins rezitiert, habe versucht, es zu verstehen, und schließlich versucht zu akzeptieren, dass es hier um eine Weisheit jenseits des Verstehens geht. In dem Roman Aufzeichnungen eines Serienmörders des koreanischen Autors Young-ha Kim bildet dieser zentrale Text des Buddhismus den Rahmen; der Protagonist, Byongu Kim, Tierarzt und "pensionierter Serienmörder", liest ganz zu Anfang in ihm und findet bis zum Ende Halt in diesen alten Zeilen: Von dem, was die Leute sagen, verstehe ich so gut wie nichts. Die Stelle aus dem "Herz-Sutra", die ich immer nur heruntergeleiert habe, geht mir jetzt nahe. Auf meiner Schlafmatte sage ich sie auf. Und tatsächlich: dieses schmale Büchlein, halb Krimi mit Anleihen bei Quentin Tarantino oder David Lynch, halb erschütternde Meditation über die menschliche Existenz in all ihrer Zerbrechlichkeit und Abhängigkeit, macht erfahrbar, was es mit der Leere und der Form, mit der Vergänglichkeit und der Anhaftung (um mal so klassische buddhistische Begriffe zu gebrauchen), auf sich hat. Denn Byongu Kim, beim Einsetzen seiner Notizen 70 Jahre alt, ist dement. So entgleiten ihm nicht nur die Erinnerungen, sondern zunehmend auch das Verständnis für die Gegenwart. 25 Jahre nach seinem letzten Mord lebt er ein ruhiges, beschauliches Leben zusammen mit seiner "Tochter" Unhi. Oh falsch: Sie gilt zwar offiziell als seine Tochter, ist aber eigentlich ein Waisenkind, dessen Eltern von Kim ermordet worden. Oder war das eigentlich ganz anders? In den Notizen Byongu Kims taucht bald ein Mann auf: ein möglicher Serienmörder, der in der Gegend sein Unwesen treibt. Hat er es auf Unhi abgesehen? Will er sie ermorden? Oder will er dem einstigen Serienmörder Kim auf die Spur kommen? In jedem Fall geht von ihm eine Gefahr aus, die den Demenzkranken zum Handeln zwingt. Ein letztes Mal muss er also an die Zukunft zu denken. Er muss seine Tochter retten ... Oder ist alles doch ganz anders? Mit seinen kurzen Notizen schreitet die Handlung voran; im Schreiben und Ordnen seiner flüchtigen Gedanken scheint der alte Mann vor der zunehmenden Leere zu flüchten. Das entbehrt nicht der Komik, vor allem aber ist es bis zum Schluss geradezu unerträglich spannend – denn zunehmend realisiert man als Leser, dass Byongu Kim ein gänzlich unzuverlässiger Erzähler ist. Denn vielleicht ist alles eben doch: ganz anders? Ein furioser Krimi, der die Leere erfahrbar macht, die hinter unser aller Identität aufscheint, die Haltlosigkeit und die Verzweiflung; eine schonungslose Innenschau in die condition humaine; ein Krimi, der einmal mehr aufzeigt, wie sehr die erlebte Wirklichkeit ein Konstrukt ist, das sich unter der Hand auflösen und verflüssigen kann. Am Ende bleibt eben nicht viel mehr als die Weisheit des alten Sutras ...
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