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David Mitchell

Die Knochenuhren

Gegenwartsliteratur
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ZUSAMMENFASSUNG
An einem verschlafenen Sommertag des Jahres 1984 begegnet die junge Holly Sykes einer alten Frau, die ihr im Tausch für «Asyl» einen kleinen Gefallen tut. Jahrzehnte werden vergehen, bis Holly Sykes genau versteht, welche Bedeutung die alte Frau dadurch für ihre Existenz bekommen hat.
Die Knochenuhren folgt den Wendungen von Holly Sykes’ Leben von einer tristen Kindheit am Unterlauf der Themse bis zum hohen Alter an Irlands Atlantikküste, in einer Zeit, da Europa das Öl ausgeht. Ein Leben, das gar nicht so ungewöhnlich ist und doch punktiert durch seltsame Vorahnungen, Besuche von Leuten, die sich aus dem Nichts materialisieren, Zeitlöcher und andere kurze Aussetzer der Gesetze der Wirklichkeit. Denn Holly – Tochter, Schwester, Mutter, Hüterin – ist zugleich die unwissende Protagonistin einer mörderischen Fehde, die sich in den Schatten und dunklen Winkeln unserer Welt abspielt – ja, sie wird sich vielleicht sogar als deren entscheidende Waffe erweisen.
Metaphysischer Thriller, moralische Betrachtung und Chronik unseres selbstzerstörerischen Handelns – dieser kaleidoskopische Roman mit seiner Vielfalt von Themen, Schauplätzen und Zeiten birst vor Erfindungsreichtum und jener Intelligenz, die David Mitchell zu einem der herausragenden Autoren seiner Generation gemacht hat.
BIOGRAFIE

David Mitchell, geboren 1969 in Southport, Lancashire, studierte Literatur an der University of Kent, lebte danach in Sizilien und Japan. Er gehört zu jenen polyglotten britischen Autoren, deren Thema nichts weniger als die ganze Welt ist. Für sein Werk wurde er u.a. mit dem John-Llewellyn-Rhys-Preis ausgezeichnet, zweimal stand er auf der Booker-Shortlist. 2011 erhielt er den Commonwealth Writers’ Prize für "Die tausend Herbste des Jacob de Zoet", 2015 den World Fantasy Award für "Die Knochenuhren". Sein Weltbestseller "Der Wolkenatlas" wurde von Tom Tykwer und den Wachowski-Geschwistern verfilmt. David Mitchell lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Clonakilty, Irland.

Volker Oldenburg lebt in Hamburg. Er übersetzte unter anderem David Mitchell, Oscar Wilde, T Cooper und Dinaw Mengestu. Für seine Arbeiten wurde er mehrfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Übersetzerpreis..

PRODUKTDETAILS

Erscheinungsdatum
11.03.2016
Ausgabe
eBook
ISBN
9783644047211
Sprache
German
Seiten
816
Schlagworte
Irak, Mexiko, Schweiz, USA, Seelenwanderung, England, Wunder, übersinnliche Phänomene, Holly Sykes, E.T.A. Hoffmann, Science-Fiction, übersinnliche Phänemene
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REZENSIONEN
Bewertet von seeker7, renee und 2 andere
seeker7
renee
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bri
Dieser Leser passte nicht zu mir. Schade! Dabei hat sich mein Autor so dolle angestrengt. In mir werden gleich sechs verschiedene Geschichten erzählt, mit unterschiedlichen Grundthemen und aus verschiedenen Zeiten. Es geht um eine wichtige Entwicklungsphase eines jungen Mädchens, um snobistische Studenten, einen engagierten Kriegsreporter und einen frustrierten Schriftsteller. Dann wird in einem meiner Kapitel erklärt, wie das alles zusammenhängt: Der Kampf zweier übersinnlicher Bruderschaften ist nämlich auf geheimnisvolle Weise mit dem Schicksal einiger Menschen, von denen ich berichte, verbunden. Und zum Schluss (das Mädchen vom Anfang ist inzwischen richtig alt) wird in mir ich sogar noch einen Blick in die - alles andere als rosige - Zukunft der Menschheit geworfen. Der Typ, der mich geschrieben hat, versteht wirklich sein Handwerk. Er hat eine irre Fantasie und kann wirklich gut mit Sprache umgehen. Wie muss man drauf sein, um davon nicht begeistert zu sein?! Also dieser Leser war tatsächlich schwierig. Für ihn war das gar nicht so attraktiv, dass er eigentlich gleich sechs ganz verschiedene Buchsorten auf einmal bekam. Er sah darin nicht so einen großen Gewinn. Weil er nämlich gar nicht alle diese Varianten mag. Dabei war es gar nicht so, dass ihn alle meine Themen unberührt ließen. Die Sache mit dem Irakkrieg fand er durchaus relevant, die Literaturszene und die drohenden Zukunftsrisiken interessierten ihn auch. Aber dann störte er sich plötzlich an einer angeblichen Weitschweifigkeit oder Redundanz. Besonders bei den Dingen, die über den normalen Horizont hinausgehen, ist er viel zu kritisch und engstirnig. Wenn man schon die Realität verlässt - so denkt er - dann sollte man daraus irgendeinen Nutzen (eine Erkenntnis?) für das echte Leben ableiten können. Als ob man nicht auch einfach mal ein bisschen rumfabulieren könnte - so aus Spaß an der Freud. Komischerweise nerven ihn besonders sämtliche Varianten von Kampfbeschreibungen: In diesen Höhepunkten, wo jeder normale Leser vor Spannung zittert, langweilt er sich fast zu Tode. Wo man doch bis zuletzt nie weiß, ob die Heldin - gegen jede Wahrscheinlich - überlebt. Ein seltsamer Mensch… Ich habe wirklich andere Leser verdient. Solche, die sich einfach auch mal einlassen können, die eben mal abschalten wollen von der schnöden Alltäglichkeit und der nüchternen Rationalität. Die nicht immer nach dem Nutzen suchen oder nach der Botschaft. Zum Glück gibt es jede Menge solcher Leser. Und richtige professionelle Kritiker finden mich übrigen auch toll. Es ist nämlich modern, so querbeet durch die Genres hüpfen. Soll der Typ doch einfach was anderes lesen!
2 Wows
Was für ein geniales Konstrukt !!! Wie soll man solch einem genialen Buch in einer Rezension gerecht werden? Ich finde, das ist fast unmöglich. Versuchen möchte ich es trotzdem, weil mich David Mitchell vor einiger Zeit mit diesem Buch vollkommen gefesselt hat und mir damit ebenso durch eine nicht ganz so tolle Zeit geholfen hat. Dieses Buch ist definitiv ein Meisterwerk und reiht sich in die besten Bücher ein, die ich bisher gelesen habe. Von einem begnadeten Autor, dies ist David Mitchell ebenso, wie er ein sehr eigenwilliger Autor ist! In der Erzählart ist dieser Roman außergewöhnlich, die verschiedenen Teile des Buches wirken wie unterschiedliche Bücher, sind im Erzählstil unterschiedlich, werden von verschiedenen Personen in der Ich-Form erzählt, die man dem Autor aber auch abnimmt, er kann wirklich wunderbar erzählen. Hier möchte ich mal kurz auf die verschiedenen Teile des Buches eingehen, im ersten Teil, der 1984 spielt, findet man Holly Sykes in einem Coming of Age Roman, der zweite Teil schildert 1991 das Leben des zwielichtigen Cambridge-Studenten Hugo Lamb, der dritte Teil beschreibt 2004 das Leben des Kriegsreporters Ed Brubeck, der vierte Teil, der 2015 spielt, zeigt Einblicke in das Leben und die Probleme des Schriftstellers Crispin Hershey, im phantastischen fünften Teil geht es 2025 sehr genau um die Horologen und Anachoreten und dieser Teil lässt mich vollkommen entzückt und begeistert von Mitchells Phantastik zurück und im alles abrundenden letzten Teil der Knochenuhren, der 2043 in Irland spielt, landet man wieder mit Holly Sykes in einer sehr erschreckenden Dystopie, die viele Bezüge in die Realität aufweist. Beim Lesen dieser verschiedenen Teile habe ich immer gerätselt, bevor die erzählte Geschichte einen Sinn ergibt und an die anderen, vorherigen Teile anschließt. Keine einfache Lektüre, aber eine spannende, manchmal ist das Buch verwirrend, aber um so schöner ist der Moment, wenn wieder alles ineinander greift. Dieses Buch begeisterte mich derartig; es ist wirklich wunderbar wie dieser Autor es schafft in den verschiedenen Teilen seines Romans die Charaktere zu zeichnen, menschlich, abgründig und realitätsnah sind sie. Allerdings taucht in jedem dieser Teile auch eine Holly Sykes auf, die Hauptheldin des Buches, die in manchen dieser Teile auch zur Nebenfigur wird. Eine spannende Geschichte wird in "Die Knochenuhren" erzählt, einerseits phantastisch, wobei diese Phantastik erst im vorletzten Teil des Buches so richtig in all ihren Facetten erstrahlt, denn Mitchells Phantastik ist genial und überbordend!!! Oft ist das Geschehen höchst real, des Menschen Tun, wie auch des Menschen Sein auf der Erde wird kritisiert, gerade jetzt gewinnt beides wieder eine ganz neue Dimension und dann wird diese Geschichte zu einer erschreckenden Dystopie. Insgesamt eine wirklich wunderbare Mischung!!! Love it!!! Was übrigens das Beste ist, nach den rund 800 Seiten war ich traurig, dass das Buch jetzt schon zu seinem Ende gekommen ist. Noch Fragen? Ran an dieses außergewöhnliche Buch!!!
1 Wow
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Unsere Reise beginnt im Jahre 1984 an der Seite von Holly Sykes, die in ihrer jugendlichen Naivität von zu Hause abhauen und bei ihrer ersten großen Liebe einziehen möchte. Doch das Leben unserer Protagonistin soll eine andere Richtung einschlagen, denn als sie eine alte, angelnde Frau kennenlernt, der sie unbeabsichtigt ein Versprechen gibt, trifft sie eine Entscheidung, deren Auswirkungen bis ins Jahr 2043 anhalten werden. Holly bildet dabei jedoch nur den Rahmen eines verworrenen Netzwerks aus Geschehnissen und Charakteren, welches durch seine Komplexität und seinem Ideenreichtum besticht. Mitchell gelingt dabei ein genialer Genremix aus Gesellschaftsroman, Fantasy und Dystopie, der mich vollkommen fasziniert hat.  Es ist ungewohnt, eine klare Hauptfigur zu haben, die in 75% des Romans nur eine immer wiederkehrende Nebenrolle spielt, doch Holly ist genau das. Während wir sie im ersten Kapitel noch durch ihre eigenen Augen betrachten, schlüpfen wir in den folgenden in die Köpfe anderer Personen (hauptsächlich Männer, die sie liebten) und erfahren so mehr über sie, aber eben auch über diese neuen Menschen und ihre Gedanken bis wir im letzten Part des Buches schlussendlich doch wieder bei Holly landen. Bemerkenswert ist dabei, dass alles irgendwie verbunden zu sein scheint, dass wir Personen begegnen, von denen wir in einem vorhergegangenen Kapitel nur kurz den Namen gelesen und fast schon wieder vergessen hätten, und das ganze Buch dadurch so unfassbar rund und gut durchdacht wirkt, dass es mich immer wieder zum Staunen brachte. Diese Tatsache war es auch, die mich oftmals an den "Wolkenatlas" denken ließ.   Noch begeisterter war ich eigentlich nur von den fantastischen und dystopischen Aspekten, die besonders in den letzten beiden Kapiteln ihren Platz fanden. Zum Fantasyanteil möchte ich jetzt nicht ganz so viel verraten, da das Selbstentdecken unglaublich viel Spaß macht, auch wenn man irgendwann von den vielen Informationen förmlich erdrückt wird. Zum dystopischen Teil kann ich jedoch sagen, dass es sehr spannend ist, während der sprunghaften Reise in die Zukunft, die gesellschaftliche, technische und ökologische Entwicklung zu verfolgen, die Mitchell sehr authentisch und bedrückend umschreibt. Seine Visionen sind gar nicht mal so weit weg von unserer derzeitigen Lage und können einem an manchen Stellen wahrlich Angst machen, weil sie eben so realistisch sind.
2 Wows
Bris Buchstoff
Das Leben ist eine tödliche Krankheit Menschen sind wie Eisberge: Du siehst die Spitze, der große Rest aber bleibt im Verborgenen. „ (S. 41) Sommer 1984 – es ist heiß. Holly Sykes, noch keine 16 Jahre alt, steht kurz vor dem Ende ihrer Schulzeit, als sie sich sicher ist, dass es Wichtigeres im Leben gibt, als die Prüfungen zu bestehen. Doch das sieht ihre Mutter ganz anders, und so fasst Holly einen folgenschweren Entschluss. Sie packt ihre Habseligkeiten – unter denen sich auch eines der vielen von ihrem jüngeren Bruder Jacko gemalten Labyrinthen befindet – und geht. Zunächst zu ihrem derzeitigen Dreh- und Angelpunkt namens Vinny, der jedoch nicht ganz so auf Holly fixiert zu sein scheint wie sie auf ihn. Aus einem vor Glück überschäumenden Teenager wird in nur ein paar Stunden eine Ausreißerin, deren Weggehen viel weitreichendere Folgen haben wird, als ihr lange Zeit klar ist … “ Macht wird verloren oder gewonnen, sie lässt sich weder erschaffen noch zerstören. Macht gehört nicht den von ihr Ermächtigten, sie ist nur ein temporärer Gast. Wahnsinnige streben nach ihr, viele geistig Gesunde ebenfalls, die Weisen aber fürchten ihre Langzeitwirkungen. Macht ist Crack für das Ego und Batteriesäure für die Seele. Macht kommt und geht, von Wirt zu Wirt, durch Kriege, Eheschließungen, Wahlurnen, Diktate oder reinen Zufall. Ob die Machthabenden der Gerechtigkeit dienen und die Welt neu gestalten oder blühende Landschaften in rauchende Schlachtfelder verwandeln und Wolkenkratzer zum Einsturz bringen, die Macht an sich ist immer amoralisch.“ (S.133/134) 1991 – Sieben Jahre nach Holly Sykes Ausbruch trifft Hugo Lamb auf eine alte Bekannte Hollys – Immaculée Constantin. Wer oder was genau sie ist? Eine gute Frage. Hugo Lamb jedenfalls fasziniert sie ebensosehr wie die Gedankenspiele über Macht. Etwas was er bereits über gewisse Menschen besitzt und einzusetzen weiß. Meist zu seinem Vorteil, nie aber zum Vorteil desjenigen, den er geschickt „lenkt“. Der Sterblichkeitsklausel, die das menschliche Leben beinhaltet, ist sich Hugo sehr bewusst, doch genau das ist es, was ihn zu seinen Manipulationen treibt: „Wir alle müssen eines Tages sterben. Bis dahin allerdings ist die Aussicht, andere zu treten, deutlich attraktiver, als selbst getreten zu werden.“ und dass es keinen Ausweg aus dieser Sterblichkeit gibt, steht für ihn in Stein gemeißelt. Mit schrägen Theorien über Kryonik oder anderem esoterischen Quatsch hat er nichts am Hut. Dafür lebt er zu sehr im Hier und Jetzt. Doch Immaculée Constantin ist schon zu lange auf ihrem Gebiet tätig, sie weiß genau, wie man Menschen zum Zweifeln bringt: „Sterblichkeit ist in Ihre Zellstruktur eingeschrieben, und Sie sagen, Sie seien nicht krank? Sehen Sie sich das Gemälde an. Sehen Sie genau hin.“ Sie deutet mit einem Nicken zu Anbetung der Könige. Ich gehorche. Für alle Zeit. „Dreizehn Personen, zählen Sie ruhig nach, wie beim letzten Abendmahl. Hirten, die drei Weisen, Verwandte. Betrachten Sie genau die einzelnen Gesichter. Welche der Personen glaubt, dass der neugeborene Knirps eines Tages den Tod bezwingen wird? Welche verlangt nach einem Beweis? Wer argwöhnt, dass es sich beim Messias um einen falschen Propheten handelt? Wer weiß, dass er sich auf deinem Gemälde befindet und beobachtet wird? Welche Person auf dem Bild beobachtet Sie?“ (S. 135) Spätestens nach dem zweiten Kapitel von David Mitchells großartigem neuen Roman Die Knochenuhren ist klar, dass hier wieder einmal alle Grenzen gesprengt werden. Mitchell hat schon mehrfach bewiesen, dass ihn konventionelle literarische Traditionen und Grenzen nicht kümmern, eher reizen, sie zu überschreiten. Und das tut er in diesem Fall durch eine breit angelegte Geschichte, die einen Genremix bietet, der mehr als ungewöhnlich aber perfekt durch ihn umgesetzt ist. Reine Erzähllust ist es, die uns Leser dazu treibt, Nächte durch zu schmökern. Jedes neue Kapitel zeigt uns eine neue Welt, eine neue Sicht. Immer aus der Ich-Perspektive einer Person, nie derselben. Die Erkenntnis, wer da nun spricht, stellt sich recht rasch ein. Die einzelnen Kapitel bilden letztendlich jedoch einen geschlossenen Kreis. Kapitel eins führt Holly Sykes ein, die für alle anderen Personen, die das neue Mitchell Universum zahlreich bevölkern, ein Verbindungspunkt ist. Ja, auch Hugo Lamb, der uns im zweiten Kapitel in das Leben einiger elitärer Studenten mit finanziell gesichertem Hintergrund Anfang der 1990er einführt, wird nicht gänzlich an Holly vorbeikommen. Wie silberne Fäden – oder Strings – ziehen sich die Verbindungen zwischen den Protagonisten durch Zeit und Raum und knüpfen ein Netz, vielleicht auch ein Spinnennetz, in das zu geraten nicht von Vorteil wäre. Einige Leser und Rezensenten bemängeln, dass Mitchell in seinem neuen Roman zu esoterisch, zu fantasylastig unterwegs sei. Doch genau das ist es, was mich so fasziniert: Er achtet nicht auf Regeln oder Erwartungen, sondern erzählt, wie es ihm gefällt. Weil er es kann – und hier ist können nicht im Sinn von, die Gelegenheit haben, sondern im Sinn von Könnerschaft gemeint. Aber auch der Leser muss etwas können: sich einlassen auf das Spiel. Hier ist der Weg das Ziel. Fragen erfahren Antworten, wenn auch nicht sofort, doch lässt Mitchell dem Leser genügend Raum für eigene Gedankenspiele und Entdeckungen und überrascht dabei immer wieder aufs Neue, was die Lektüre erfrischend und spannend macht. Neben Holly und Hugo Lamb gibt es natürlich noch weiteres Personal. Da wäre zum Beispiel in Kapitel drei, das im Jahr 2004 angesiedelt ist, Ed Brubeck – seines Zeichens Kriegsberichterstatter und mit Unterbrechungen Hollys Gefährte seit dem Sommer 1984. Seine Sicht der Dinge ist natürlich durch Erlebnisse und Situationen in verschiedensten Kriegsgebieten geprägt. Hier wird Mitchell sowohl global als auch politisch. Crispin Hershey hingegen ist Schriftsteller, der seinen früheren Ruhm durch ein Buch namens Vertrocknete Embryonen begründete und versucht diesen zu halten. In seinem, dem vierten Kapitel, das im Jahr 2015 einsteigt, geschieht eine Veränderung in der Romanstruktur, die dem aufmerksamen Leser den ein oder anderen Gedanken nach beendeter Lektüre durch die Gehirnwindungen schießen lässt: Hier erzählt nicht nur Hershey selbst, es scheint jemand anderes seine Geschichte zu erleben und als Hershey zu erzählen. Innerhalb eines Kapitels löst sich die Struktur der Metaebene des Romans, der aus 6 Erzählungen aus reiner Ich-Perspektive besteht, auf. Und das ist kein logischer Fehler, sondern ein kunstvoller Griff in die sich scheinbar nicht erschöpfen wollende Trickkiste Mitchells. In Kapitel 5 befinden wir uns nun im Jahr 2025. Hintergründe und Verbindungen zwischen den einzelnen Personen und Geschichten werden dadurch gelöst, dass Mitchell eine der Hauptfiguren, die auch Bezüge zu Mitchells früheren Werken aufzeigt, ihre eigene Geschichte detailreich erzählen lässt: Marinus. Was Marinus tatsächlich ist, soll hier nicht verraten werden, nur eines: Er – oder sie? – kennt Holly Sykes schon lange und weiß um vieles, was ihr nicht mehr bewusst ist. Das letzte Kapitel spielt im Jahr 2045 und wird, wie das erste, aus der Ich-Perspektive von Holly erzählt, womit sich ein Kreis schließt, eine Reise endet, damit eine neue beginnen kann. Man könnte noch so einiges über Verweise, Hintergründe, Struktur oder Sprache sagen. Doch es ist schwer, einen Roman der so sehr von allem spricht und dabei nie wirr ist, der die Genregrenzen überschreitet und trotzdem nie schwammig wird, in seiner Gänze durch einmaliges Lesen zu erfassen und dies auch noch klar zu transportieren. Und so wird es sicher nicht bei dieser einen Lektüre bleiben. Nebenbei bemerkt ist das Buch großartig in die deutsche Sprache übertragen worden. Euch allen kann ich nur raten: Lest dieses Buch, habt keine Erwartungen, lasst euch fallen und genießt! Denn: Der Weg ist das Ziel und „Damit eine Reise beginnen kann, muss eine andere Reise zu Ende gehen.“ – auch wenn das Verlassen des Mitchell-Universums eine gewisse Leere hinterlässt. Wer nicht in der Poesie lebt, überlebt hier auf der Erde nicht.“ (HALLDÓR LAXNESS)
4 Wows

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