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REZENSIONEN
ZUSAMMENFASSUNG
- Ausgezeichnet mit dem Deutschen Buchpreis 2019 - HERKUNFT ist ein Buch über den ersten Zufall unserer Biografie: irgendwo geboren werden. Und was danach kommt. HERKUNFT ist ein Buch über meine Heimaten, in der Erinnerung und der Erfindung. Ein Buch über Sprache, Schwarzarbeit, die Stafette der Jugend und viele Sommer. Den Sommer, als mein Großvater meiner Großmutter beim Tanzen derart auf den Fuß trat, dass ich beinahe nie geboren worden wäre. Den Sommer, als ich fast ertrank. Den Sommer, in dem die Bundesregierung die Grenzen nicht schloss und der dem Sommer ähnlich war, als ich über viele Grenzen nach Deutschland floh. HERKUNFT ist ein Abschied von meiner dementen Großmutter. Während ich Erinnerungen sammle, verliert sie ihre. HERKUNFT ist traurig, weil Herkunft für mich zu tun hat mit dem, das nicht mehr zu haben ist. In HERKUNFT sprechen die Toten und die Schlangen, und meine Großtante Zagorka macht sich in die Sowjetunion auf, um Kosmonautin zu werden. >
BIOGRAFIE
SaSa StaniSic wurde 1978 in ViSegrad (Jugoslawien) geboren und lebt seit 1992 in Deutschland. Seine Erzählungen und Romane wurden in über 30 Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet. SaSa StaniSic erhielt u.a. den Preis der Leipziger Buchmesse für »Vor dem Fest« und zuletzt für »Herkunft« den Deutschen Buchpreis 2019 sowie den Eichendorff-Literaturpreis und den Hans-Fallada-Preis der Stadt Neumünster. Er lebt und arbeitet in Hamburg.

PRODUKTDETAILS

Erscheinungsdatum
18.03.2019
Ausgabe
Hardcover
ISBN
9783630874739
Sprache
German
Seiten
368
Schlagworte
Meine Heimaten, Spiegel-Bestseller 2019, Eichendorff Literaturpreis, Oskorusa, Heimat, Gewinner Deutscher Buchpreis 2019, Alfred-Döblin-Preis, Bosnien-Herzegowina, Bestseller 2019, Heidelberg, Shortlist Deutscher Buchpreis 2019, Preis der Leipziger Buchmesse, Weihnachtsgeschenk, Großmutter
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REZENSIONEN
Bewertet von Anna, Momo und 3 andere
leseliebe
momo
la_literarian
anne_hahn
bookaholicgroup
Ich habe dieses Buch als Hörbuch gehört, da mich der Buchtitel und der Klappentext sehr neugierig gemacht haben. Es handelt sich hier nicht um einen Roman, sondern um die Biografie des Autors, in der er dieErlebnisse seines Lebens schildert und dem Leser einen Einblick in seine Herkunft, seinen Ursprung und seine Geschichte gewährt. Stanisic erzählt in seinem Titel , so wie der Titel es bereits erahnen lässt, wo die Wurzeln seiner Familie liegen und was diese erleben musste. 1992 vor dem Krieg nach Deutschland geflohen, berichtet er von der Konfrontation mit deutscher Sprache und Literatur, aber auch von Ausgrenzung und Problemen beim Versuch sich zu integrieren. All dies gelingt dem Autor, trotz der eigentlich ernsten Themen, auf einer sehr unterhaltsamen und oft auch ironischen Art und Weise. Zwar gibt es auch ernstere und traurigere Passagen, trotzdem findet Stanisic wieder und wieder einen Weg die Stimmung zu kippen. Er verbindet tatsächlich erlebte Szenarien mit fiktiven Geschichten. Häufig setzt er zu neuen ausschweifenden Geschichten und Erinnerungen an und gerade darin liegt die Stärke dieses Buches. Was macht unsere Herkunft aus uns und wie wirkt sie auf unsere Mitmenschen? Es zeigt auf, dass die Frage nach der eigenen Herkunft nicht immer so einfach zu beantworten ist und trotzdem enorme Auswirkungen auf unser gesamtes Leben hat. Alles in allem ein sehr gelungenes Buch in einem erfrischendem Stil verfasst mit Bezug zum aktuellen politischem Geschehen. Ich vergebe 5/5 Sternen.
Wow
Leider konnte mich der fiktionale autobiografische Roman zum Ende hin nicht mehr überzeugen. Den letzten Teil hätte man auch weglassen können, da ich von der Thematik der an Alzheimer erkrankten Großmutter über die Seiten hin reichlich gesättigt war. Saša Stanišić hätte zwei Bücher schreiben sollen, denn zwei Hauptthemen, Herkunft und Alzheimer, waren mir definitiv zu viel, auch wenn mir bewusst ist, dass die Großmutter zur Herkunft dazugehört, sie aber nicht ihr ganzes Leben an Alzheimer litt. Aber sie nahm immer mehr Raum ein, dass ich schließlich die eigentliche Hauptthematik zum Ende hin aus dem Blickfeld verloren hatte. Ich hatte so viele Gedanken zu dem Buch, die am Ende verblasst waren, weil ich so mit der kranken Großmutter abgelenkt wurde. Außerdem ließ die Konzentration in den letzten Kapiteln immer mehr nach. Es gibt so viele Bücher über Alzheimer, unabhängig davon, in welchem Land sie sich bei einem Menschen ausbreitet, vom Krankheitsbild her sind sie alle gleich. Was sie unterscheidet sind die Charaktere der dementen Menschen. Ich sehe ein, dass der Autor von einer großen Fabulierlust erfasst wurde, dass er Schwierigkeiten gehabt haben muss, einen Punkt zu setzen. Und dennoch ist es insgesamt ein gelungenes und ein absolut lesenswertes Buch, wie in der Besprechung weiter unten noch zu entnehmen ist. Die Handlung Die Handlung ist eigentlich schnell erzählt, auch wenn sie sehr komplex ist, zudem weil sie aus Fragmenten besteht. In dieser Autobiografie geht es um die Flucht der Herkunftsfamilie von Saša Stanišić aus dem ehemaligen Jugoslawien. Der junge Saša ist gerade mal 14 Jahre alt, als er 1992 zusammen mit seiner Mutter über Serbien, Ungarn und Kroatin nach Heidelberg flüchtet, während sein Vater wegen seiner an Demenz erkrankten Mutter erst noch zurückbleibt. Sechs Monate später kam schließlich auch der Vater nach, nachdem er alles Notwendige für seine Mutter veranlasst hatte, die in ihrem Land zurückbleiben sollte. Sašas Vater ist serbischer Abstammung, seine Mutter kommt aus einer bosnischen-muslimischen Familie. Alle zusammen lebten sie vor der Flucht in dem Dorf namens Višegrad. Zitat "Es ist so: Das Land, in dem ich geboren wurde, gibt es heute nicht mehr. Solange es das Land noch gab, begriff ich mich als Jugoslawe. Wie meine Eltern, die aus einer serbischen (Vater) bzw. einer bosniakisch-muslimischen Familie stammten (Mutter). Ich war ein Kind des Vielvölkerstaats, Ertrag und Bekenntnis zweier zugeneigter Menschen, die der jugoslawische Melting Pot befreit hatte von den Zwängen unterschiedlicher Herkunft und Religion. " (2019, 14) Die Mutter hat Politologie studiert, der Vater Betriebswirt. Zitat "Mutter schrieb sich für Politikwissenschaften mit Schwerpunkt Marxismus in Sarajewo ein. 1980 kehrte sie nach Višegrad zurück mit knapp den besten Abschlussnoten ihres Jahrganges, wurde Marxismus-Dozentin am Gymnasium und stand von überteuerte Waren von fragwürdiger Qualität. Sie echauffierte sich über die unfähige Regierungsriege und soziale Ungleichheit. Fürchtete sich vor dem erstarkten Nationalismus und nahm ihn nicht wirklich ernst." (119f) Rassistische Auswirkungen gegen Muslime nahmen in dem Land weiter zu, gegen die sich die Mutter zu widersetzen versuchte. Zitat "Als der Polizist ihr im April 1992 nahelegte, aus Višegrad zu verschwinden, weil es den Muslimen bald an den Kragen ginge, lautete ihre Antwort in einem Leben, das ich für sie geschrieben hätte: > Wer hat entschieden, dass ich eine Muslima bin? < (121) In Deutschland angekommen wurden die Eltern allerdings nicht in ihren Berufen eingesetzt. Die Mutter bekam einen Job in der Wäscherei, der Vater auf dem Bau. Der Asylantrag der Eltern wurde nach ein paar Jahren dennoch abgelehnt. Sie wanderten schließlich nach Amerika aus, wo sich ihnen auch bessere berufliche Chancen auftaten. Saša konnte in Deutschland bleiben, hat sich sein Bleiberecht über Studium und als freischaffender Künstler erwirkt. Welche Szene hat mir nicht gefallen? Ich fand es sehr, sehr traurig, dass der Asylantrag der Eltern in Deutschland abgelehnt wurde und die Familie ein weiteres Mal getrennt wurde. Wie muss das für den jungen Saša gewesen sein, dass er erst seine Großmutter, sich dann von den Eltern trennen musste? Wie muss es für die Eltern gewesen sein, nach Amerika ohne den Sohn zu emigrieren? Was macht die Politik mit Menschen, die ganze Familien auseinanderreißt? Auf der Seite 36 fand ich eine Szene, die sich wiederholt mit der Frage beschäftigt, wo ein Mensch mit dieser inneren Zerrissenheit hingehört? Mutig, dass Saša ohne die Eltern in Deutschland ein neues Leben wagte, das zu seiner neuen Heimat wurde. Zitat "Man will gelegentlich von mir wissen, ob ich in Deutschland zu Hause sei. Ich sage abwechselnd ja und nein. Die Leute meinen es selten ausgrenzend. Sie sichern sich ab. Sie sagen: >Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, meine Cousine hat einen Tschechen geheiratet. <" Diese Erfahrung machen sogar Menschen, die nicht nach Deutschland geflüchtet sind, sondern hier mit etwas Ausgrenzendem, um bei dem Ausdruck zu bleiben, geboren sind. Fremder Name, andere Religion, andere Hautfarbe ... Viele müssen sich ein Leben lang ausgrenzende Bemerkungen anhören. In der vierten sogenannten Migrantengeneration wird man in Deutschland immer noch ausgegrenzt. Mit der Wir und Ihr-Mentalität wird man daran erinnert, dass man in den Augen vieler nicht dazugehört, obwohl der Staat viele dieser Menschen längst als Deutsche anerkannt hat. Sie sind Mitgestalter*innen einer Gesellschaft. Das sind aber auch andere, die einen festen Wohnsitz in Deutschland haben. Welche Szene hat mir gefallen? Manche Szenen habe ich als recht surreal erlebt, die mich dennoch fasziniert haben. Schon auf der ersten Seite wird man mit einer davon konfrontiert. Die Großmutter Kristina, 87 Jahre alt, die ein kleines Mädchen sieht, es ruft, es hinter ihr herläuft, bis sie das kleine Mädchen aus den Augen verliert, weil es vor ihr wegläuft. Das kleine Mädchen war sie selbst. Welche Figur war für mich eine Sympathieträgerin? Nur eine Nebenfigur? Und doch zeigt mir folgende Szene über den Vater eines Freundes innere Größe gegenüber einem aus der Heimat geflüchteten Kind. Mir war Rahims Vater sehr sympathisch. Rahim selbst ist ein Jugendlicher mit drei weiteren Geschwistern, der mit seiner Familie in Heidelberg in geordneten Verhältnissen lebte, während Saša mit seinen Eltern noch in einer Notunterkunft wohnte, für die er sich geschämt haben muss, denn er wollte eine Einladung zu sich nach Hause veranlassen, damit beide Eltern miteinander hätten Bekanntschaft machen können, die aber nie stattgefunden hat, obwohl Rahims Eltern nach Ansicht des Autors sich über eine Einladung gefreut hätten. Sie sind fränkische Atheisten und Geisteswissenschaftler von Beruf. Rahims Vater ist Semitist. Saša hatte die Familie durch die ruhige und respektvolle Art innerhalb der Familienmitglieder sehr bewundert. Doch was mir gefallen hatte, war Folgendes: Zitat: "Nachdem (Rahims Eltern) erfahren hatten, dass ich vor dem Bosnien-Krieg geflohen war, erzählten die beiden weder von einem Kroatien-Urlaub in den Achtzigern auf der „Wie-hieß-die-Insel- noch-mal?“, noch eröffneten sie einen Mentalitätskurs über die >Serben<.Der Vater sagte: > Tut mir leid, dass du das erleben musstest, Saša. Ich lese mich gern ein, und wir sprechen über den Konflikt, wenn du wieder vorbeikommst. Falls du das möchtest. < " (188) Diese Empathie und die respektvolle Art hat mich tief beeindruckt. Außerdem hat dieser Mann dem Jugendlichen gegenüber Interesse bekundet, sich in die Materie erst einzulesen, statt gleich loszuplappern und zu prahlen, was er über das Land über triviale Urlaubserfahrungen an Halbwissen verfügt. Der Ausdruck Mentalistätskurs fand ich zudem wahnsinnig gut getroffen, der nicht einmal dem Duden bekannt ist. Außerdem war mir auch die Großmutter sehr sympathisch, eine resolute, alte Dame, die weiß was sie will, und sie sich selbst in ihrer Erkrankung nicht unterkriegen lässt. Welche Figur war mir antipathisch? Keine. Meine Identifikationsfigur Keine. Cover und Buchtitel Der Buchtitel wird leider zu sehr von der demenzkranken Großmutter eingenommen, wie ich eingangs schon beschrieben habe. Das Cover? Die vielen Wappen darauf sind mir unbekannt, die wohl zu der Herkunft des Autors gehören. Sie sind wahrscheinlich mit dem ehemaligen Vielvölkerstaat Jugoslawien in Verbindung zu bringen. Zum Schreibkonzept Das Buch ist auf den 360 Seiten chronologisch und stilistisch nicht wie ein Roman verfasst, wie man das sonst gewohnt ist. Telegrammstil? Tagebuchstil? Irgendwas dazwischen. Außerdem muss man sehr viele Zeitsprünge vor und zurück hinnehmen. Der Stoff ist zudem in Fragmenten gepackt, sodass es schwierig ist, eine Beziehung zu den Figuren herzustellen. Die jeweiligen Kapitel sind nicht nummeriert, ich weiß also nicht, aus wie vielen Kapiteln das Buch besteht, ich werde sie nicht zählen. Die Kapitel sind außerdem noch recht kurzgehalten. Eigentlich gibt es ein Epilog, der allerdings mit einem weiteren Teil des Buches Der Drachenhort anschließt. Das etwaige Ende, das aus verschiedenen möglichen Ausgängen bestehen kann, welcher, das entscheiden die Leser*innen selbst, ist sehr außergewöhnlich, das ich ein wenig verspielt erlebt habe. Der Roman besteht aus einem Mix zwischen Fiktion und wahrer Begebenheit. Meine Meinung / Meine Gedanken Mit Ausnahme des letzten Abschnitts war ich total fasziniert von dem Buch. Es hat mich nachdenklich gestimmt, wobei die Thematik nicht neu für mich ist. Nachdenklich bin ich immer wieder, was die Herkunft eines Menschen betrifft, weil man nicht so eindeutig bestimmen kann, woher ein Mensch kommt. Für viele Menschen aus aller Welt, die aus einer sogenannten homogenen Herkunft stammen, für sie ist alles glatt, übernehmen die kulturellen und nationalen Zuschreibungen, die ihnen von Kindesbeinen an herangetragen wurden, ohne diese später zu hinterfragen. Doch auch bei diesen Menschen würde sich ein Weiterdenken lohnen, denn, wie selbst der Autor schreibt, ist die Herkunft durch Zufall determiniert. Kein Kind, das genau in diese Familie, in dieses Land, in jene Gesellschaft, hineingeboren wird, hat selbst diese Wahl treffen können. Selbst eine homogene Herkunft ist, wenn man sie sich genau betrachtet, differenziert zu einer anderen homogenen Herkunft ... Sašas Eltern hatten sich entschieden, das Kriegsland zu verlassen, andere sind dortgeblieben, weil sie nicht bedroht wurden, oder sich woanders versteckt haben, etc. Die Eltern hatten entschieden, nach Deutschland zu fliehen, andere fliehen in andere Länder. Deutschland ist nicht das einzige Land, in das Menschen flüchten, wenn auch die Medien uns dieses Gefühl vermitteln. Wer wäre man geworden, wäre man im Land geblieben? Wer wäre man geworden, wäre man in ein anderes Land geflüchtet? Man könnte den Gedanken noch unendlich weiterspinnen. Wer wäre man geworden, wäre man in einer anderen Familie geboren? Auf jeden Fall immer ein ganz anderer Mensch, der aus sich das zu machen gezwungen ist, was er nach der Geburt an Werkzeug für sein Leben vorfindet, um sich zu formen. Zitat: "In Bosnien hat es geschossen am 24. August 1992, in Heidelberg hat es geregnet. Es hätte ebenso gut Osloer Regen sein können. Jedes Zuhause ist ein zufälliges: Dort wirst du geboren, hierhin vertrieben, da drüben vermachst du deine Niere der Wissenschaft. Glück hat, wer den Zufall beeinflussen kann. Wer sein Zuhause nicht verlässt, weil er muss, sondern weil er will. Glück hat, wer sich geographische Wünsche erfüllt. Das gibt dann vorzügliche Sprachreisen, Alterswohnsitze in Florida und Auswanderinnen in die Dominikanische Republik zu besser aussehenden Männern. "(123) Glück bedeutet auch, Entscheidungsfreiheiten zu haben, sich seine Heimat, seine Nation selbst auszusuchen. Glück kann aber auch bedeuten, mehrere Heimaten zu haben. Glück ist, mit mehreren Kulturen und Sprachen aufzuwachsen. Glück ist aber auch, sich mit den Menschen aller Welt verbinden zu können. Glück bedeutet, ein Weltmensch zu sein. Auch für mich ist die Herkunft, homogen oder different, immer eine komplexe Angelegenheit, wobei es für mich an sich keine homogene Herkunft gibt, außerdem finden selbst im eigenen Land Umzüge und Abwanderungen statt. Dennoch bezeichne ich sie mal als homogen, da viele Menschen diese zwei Gruppentypen in ihren Köpfen verankert haben; da sind Adoptivkinder, die im eigenen Land andere Eltern bekamen; andere Kinder wurden abgetrieben und bekamen nie eine Chance, ein Mensch zu werden; andere wurden in reichen Familien geboren; andere in armen, wiederum andere in geborgenen oder in kühlen Verhältnissen, und vieles mehr. Wer sucht sich das aus? Schaut man sich die homogenen Väter an, unterscheiden sie sich von anderen homogenen Väter. Die Mütter ebenso. Die eine Mutter trinkt, der andere Vater ist ein Schläger, andere sind auf unterschiedliche Weise wohlwollend, etc. Stolz auf ein Land zu sein, das wir als das unsrige bezeichnen, ist als eine sterbliche Kreatur, die ein Land aus diesem Grund niemals besitzen kann, genauso ein Nonsens. Und trotzdem denken viele, anders sind nur die, die woanders herkommen, weil sie angeblich über andere Sitten und andere Gene verfügen würden. Auch für den Autor lässt sich eine Herkunft nicht nur in eine Blutgruppe pressen. Zitat "Also doch, Herkunft, wie immer, (…) eine komplexe Frage: Zuerst müsse geklärt werden, worauf das Woher ziele. Auf die geografische Lage des Hügels, auf dem der Kreißsaal sich befand? Auf die Landesgrenzen des Staates zum Zeitpunkt der letzten Wehe? Provenienz der Eltern? Gene, Ahnen, Dialekt? Wie man es dreht, Herkunft bleibt doch ein Konstrukt! Eine Art Kostüm, das man ewig tragen soll, nachdem es einem übergestülpt worden ist." (32f) Da wir gerade europaweit wieder eine Tendenz zum Nationalismus erleben, sind sich Menschen, die das Land, das sie als ihr eigenes bezeichnen, nicht bewusst, dass das Land, auf das sie so stolz sind, auch Früchte anderer Länder trägt. Der Autor macht dies aus eigener Erfahrung / Beobachtung anschaulich: Zitat "Ausgerechnet hier! Auf diesem Balkan, Mann! An der Kreuzung zwischen Orient und Okzident! Alle sind hier irgendwann aufmarschiert, alle! Alle haben sich breitgemacht, wurden besiegt, (oder auch nicht) zogen sich zurück. Und sie alle ließen etwas da. Rom, Venedig, die osmanischen Heere, Österreich-Ungarn. Und all die Slawen. Juden kamen von der iberischen Halbinsel und blieben. Roma-Enklaven existieren im gesamten Raum. Die Deutschen schliefen in Betten meiner Vorfahren. Alle waren hier, wo du dasselbe Lied in verschiedenen Tonarten anstimmst (…). Hier, wo du türkischen Kaffee trinkst, deutsche und arabische Lehnwörter selbstverständlich benutzt, mit urslawischen Vilen in den Wäldern tanzt und auf Hochzeiten zu gleichermaßen miesen kroatischen oder serbischen Schlagersongs. Hatten wir nicht die Tore von „Roter Stern“ gemeinsam bejubelt? Offenbar nicht. " (99f) Mein Fazit Ein sehr lesenswertes Buch, das mich total bereichert hat und zum Diskutieren einlädt. So viele Zitate hätte ich gerne noch herausgeschrieben, wenn es den Rahmen nicht sprengen würde. Toll, es gelesen zu haben. Am schönsten fand ich allerdings die Sprache; sehr verspielt, sehr ideenreich, sehr kreativ. Wundervoll. Ein Gaumenschmaus für das Gehirn. Eine klare Leseempfehlung!!! Wie ist das Buch zu mir gekommen? Als Mitglied der Büchergilde stand erneut ein Quartalskauf an. Dort im Laden ausgelegt ist mir das Buch sofort ins Auge geschossen. Da es mir schon auf der Frankfurter Buchmesse 2019 aufgefallen ist, war es klar, dass ich dieses Buch erwerben wollte. So kam mir die Büchergilde entgegen, die es in ihrem Bestand zum Verkauf angeboten hatte. Es ist ein bepreistes Buch. Ich mache mir eigentlich nichts mehr aus Buchpreisen, da ich schon häufig damit enttäuscht wurde, und ich deshalb mit Buchpreisen so etwas auf Kriegsfuß stehe. In letzter Zeit scheine ich allerdings Glück zu haben, denn auch dieses Buch hat meinen Geschmack treffen können und hat auch aus meiner Sicht absolut seinen Preis verdient. Saša Stanišić erhielt mit seinem Werk den Deutschen Buchpreis.
4 Wows
literaturbegeistert
Ich kann sehr gut nachvollziehen, wieso das Buch den deutschen Buchpreis 2019 bekommen hat und wieso es für viele als großartig empfunden wird. Das Thema in diesem Buch ist momentan, besonders im Hinblick auf die Flüchtlingskrise hochaktuell. Nach nur wenigen Seiten war ich fasziniert. Allerdings hatte ich mit dem sehr eigenen und innovativen Schreibstil des Autors etwas zu kämpfen. Saša Stanišić beschreibt fast schon autobiographisch in Zeitabständen immer wieder seine eigenen Geschichten. Wie es ist, wenn man nicht genau weiß, woher man kommt, wohin man gehört. Man lernt so die jugoslawische Sprache kennen, die Familie Stanišić´und die Probleme, die sie hatten ihrer Herkunft Wegen. Der Leser bekommt Einblicke in den Diskurs über Herkunft, Flucht und Immigration. Man wird als Leser automatisch für dieses Thema sensibilisiert. Man bekommt mit, wie all diese Themen mit den Themen Identität, Rassismus, Vorurteile und Ausgrenzung zusammenhängen. Ein durcheinander der Gefühle meinerseits. Ich war so betroffen, so emotional, als ich all diese Dinge gelesen habe. Selten konnte ich mich so gut in einen Protagonisten hineinversetzen und mitfühlen, wie in diesem Buch. Das Schlimme dabei ist, dass es keine Fiktion ist, es ist echt und genau so passiert. Saša Stanišić redet von seinen eigenen Empfindungen, seinen eigenen Gefühlen und Erlebnissen. Das hat mich schlichtweg beeindruckt. Kommen wir aber zu meiner Kritik, die für mich leider all das Positive an dem Buch abgewertet hat. Der eigentlich sehr individuelle und innovative Schreibstil ist für viele das Besondere an diesem Buch. Ich persönlich konnte mich bis zuletzt nicht mit dem eigensinnigen Schreibstil und die Aneinanderreihung von verschiedenen kurzen und manchmal sinnlosen Wörtern anfreunden. Der Schreibstil ist unvergleichlich, keine Frage, aber ich glaube es ist wieder etwas, was man entweder sehr mag oder eben gar nicht mag. Bei mir war es leider Letzteres. Inhalt und Struktur passen wirklich gut zusammen. Denn genau so, wie Stanišić seine Lebensgeschichte durcheinander und fast schon ohne Ordnung zu einem literarischen Werk projiziert hat, passten auch seine wirre Aneinanderreihung von Wörtern, die kurzen Sätze und extrem kurzen Kapitel dazu. Eigentlich ist es schon ein Meisterwerk, sehr innovativ eben, aber eben nicht das, was ich gerne lese bzw. womit ich meine Schwierigkeiten hatte. Von mir gibt es deswegen 3 Sterne. Ich spreche diesem Buch aber definitiv eine Empfehlung aus, weil es thematisch und inhaltlich überragend ist. Stilistisch und sprachlich war es aber nicht mein Fall. Überzeugt euch selbst, ob ich mit diesem Schreibstil klar kommt. Ich bin letztendlich aber sehr froh, dieses Buch gelesen zu haben, denn es hat mir viel gegeben!
1 Wow
Mein kleiner Buchladen: „Verschwundene Länder“ – Herkunft „Für dieses Land, das eigentlich selbst eine Brücke zwischen Europa und Asien bildet, waren Brücken sehr wichtig. Karawanen zogen nach Istanbul und nach weiteren Städten des Orients … von den vielen Brücken jener Zeit sind zwei besonders beeindruckend: die Brücke über die Drina in Višegrad, die der hier gebürtige, bedeutende Mehmet Pascha Sokolovič im Jahre 1577 erbauen ließ, und die der Nobelpreisträger Ivo Andrić in seinem Werk „die Brücke über die Drina“ besang...“ Kürzlich fand ich den großformatigen Bildband "Jugoslawien" in meinem Laden, 128 Seiten, 1984 im Verlag Slovart herausgegeben, in Bratislava gedruckt und aus dem Bestand der Bezirksbibliothek Berlin Mitte makuliert. Zwischen Dubrovnik und Mostar (Front- und Backcover) stecken eine Karte des riesigen Landes, Kapitel zu den Republiken, ein historisch kultureller Abriss und Dutzende Farbfotografien, auf denen Schätze Jugoslawiens gezeigt werden, die Adria und ihre Inseln, die schönsten Städte, slowenische Bergkirchen, berühmte Brücken und Moscheen, römische und mittelalterliche Bauwerke. Die Brücke über die Drina wird im Text erwähnt, eine doppelseitige Abbildung erhielt jedoch nur die zweite der besonders beeindruckenden Brücken Bosniens – jene in Mostar. Aus der Stadt an der Drina stammt ein Autor, der auf Deutsch über seine Herkunft schreibt. Saša Stanišić hatte bereits im Debüt-Roman Wie der Soldat das Grammophon repariert über Višegrad berichtet, über das Vertrieben werden und Ankommen, das Vermissen. Einmal habe ich diese Stadt besucht und wollte etwas von ihm dort entdecken, einen Spielplatz, einen Schulhof oder wenigstens einen Wels mit einer Nickelbrille. Lesen muss ich seitdem alles von ihm. Nun dieses Buch, wieder, noch mal, viel genauer – woher stamme ich, was macht mich aus, wer waren meine Vorfahren. Warum ist mein Vaterland auseinandergebrochen? Eine Million zweihunderttausend Einwohner Jugoslawiens hatten bei der Volkszählung von 1981 angegeben, Jugoslawen zu sein, berichtet der Bildband, im ganzen Land wohnten gut acht Millionen Menschen. Das Land ist verschwunden, heute füllen die Reiseführer Regalmeter zu den einzelnen Nachfolge-Republiken, wobei Kroatien dank des Meeres weit vorn in der Gunst der Europäer liegt. Zurück zum Roman. Angeregt durch ein Formular, welches ihn nach seiner Herkunft befragt, zieht der Autor Schlüsse. Irrational, poetisch, launisch. Der Krieg scheint auf zwischen den Zeilen, in den Gesten der Kinder, in Nebensätzen. In seinem Kapitel "Tod dem Faschismus, Freiheit dem Volke" springt Saša Stanišić mit großen Schritten über die Geschichte des Balkans, zieht verblüffend knappe Schlüsse. "Alle sind hier irgendwann aufmarschiert, alle! Haben sich breitgemacht, wurden besiegt (oder auch nicht), zogen sich zurück. Und sie alle ließen etwas da." Und zum Konflikt, der dem 1978 in Bosnien/Jugoslawien Geborenen die Heimat nahm: "Spätestens nach Titos Tod in den Achtzigern taten sich Lücken auf in der multiperspektivischen Erzählung Jugoslawiens und Risse im Fundament der Föderation. Mit Parolen der Einheit und Brüderlichkeit waren vor allem die wirtschaftlichen Gräben nicht zu schließen... Der Kitt der multiethnischen Idee hielt dem zersetzenden Potential der Nationalismen nicht länger stand." Vom Roman wechsle ich zum Bildband. Ich sehe den Basar in Skopje, die bunte Moschee von Tetovo, Dächer von Ulcinij, die Festung Kalemegdan in Belgrad. Belgrad, das war die Hauptstadt des kleinen Jungen, der mit seinem Vater die Spieler von Roter Stern anfeuerte. Belgrad, die Stadt, in die beide im April 1991 fuhren, um das Rückspiel im Halbfinale des Europa-Pokals der Landesmeister gegen Bayern München zu sehen. Achtzigtausend Menschen jubelten, als die Spieler von Roter Stern in Führung gingen – diese waren ein Serbe, ein Montenegriner, ein Mazedonier und "ein Jugoslawe wie ich: Mutter Serbin, Vater Kroate." Und weiter: "Was für eine Mannschaft! So eine wird auf dem Balkan nie wieder möglich sein. Nach dem Zerfall Jugoslawiens entstanden in jedem Land neue Ligen mit schwächeren Teams, die besten Spieler wechseln heute jung ins Ausland." Saša Stanišić beschreibt in seinem Roman Episoden der Herkunft, skizziert einzelne Familienmitglieder, hier erhält die Mutter drei, vier Seiten, dort der Vater, da die Großeltern. Werden manchmal nur die Umrisse gezeichnet, wird an anderer Stelle ein detailliertes Ölgemälde in die Berge über Višegrad gemalt. Es sind sinnliche, traurige und mitunter sehr komische Bilder. Mich hat besonders die Erzählung der Mutter gerührt, ihr letzter Tanz mit dem Vater im heimischen Garten, die Flucht mit dem Kind, das Nicht-Ankommen in der Ferne. Schulzeit und Jugend in Heidelberg sind die zweite Ebene des Buches, eine dritte das Abdriften der greisen Oma in die Demenz und die Besuche des Autors in ihrem Wohnort, seiner Geburtsstadt Višegrad. Dort wird es plötzlich ganz verrückt, der Autor spielt mit uns! Wir dürfen auf den letzten 55 Seiten den Ausgang der Geschichte, die das ganze Buch trägt und zusammenhält – seine Großmutter Kristina nimmt Abschied – mitgestalten. In "Drachenhorst" entscheidet der Leser, wie die Figuren handeln und liest je nach gewählter Variante auf einer anderen Seite weiter, das ist fantastisch und großartig! Am Ende versöhnt mich das Buch mit seiner eigenen Trauer, die immer wieder aufscheint. Ich bin in Višegrad an einem Hang durch das leerstehende Kurhotel gestromert, habe Graffitis fotografiert, eine Uhr und die klappernden Fensterläden. Im Kapitel LÄMMER las ich, wie der Junge mit seiner Familie grillte, einen Ball ins Feuer kickte im Mai 1990, auf einer Waldlichtung am Kurhotel. "Unbeschwert ist an Višegrad für mich kaum ein Ort mehr. Kaum eine Erinnerung nur persönlich. Kaum eine kommt ohne Nachtrag, ohne eine Fußnote von Opfern und Tätern und Gräueltaten, die sich dort abgespielt haben. Was ich einmal empfunden habe, ist vermengt mit dem, was ich über den Ort weiß. Ich kenne Gerichtsurteile zu den Ereignissen der Kriegsjahre in der Gegend. Ich habe von den Schmerzen gelesen, die mit Fingernägeln in die Wände geritzt wurden, den Nägeln jener Frauen, die hier im Kurhotel festgehalten wurden. Meine Kindheit lässt sich nicht anders als dissonant erzählen. Ein Ball im Feuer ist nicht bloß ein Ball im Feuer. Im Wald hat man sich nicht bloß im Spiel versteckt. Ich habe mir diese Motive gesucht."
Wow
Herkunft war unser Buchclub-Buch im März, sonst wäre ich wahrscheinlich gar nicht darauf aufmerksam geworden. Ich habe mir das Buch also einfach gekauft, ohne zu wissen, um was es eigentlich gehen würde. Dementsprechend bin ich auch ganz ohne Erwartungen an die Geschichte dran gegangen. Da es ja aber letztes Jahr den deutschen Buchpreis gewonnen hat, war ich sehr neugierig und habe mich darauf gefreut, es zu lesen. Als ich die ersten Seiten gelesen haben war ich hin und hergerissen, denn ich wusste überhaupt nicht, in welche Richtung die Geschichte gehen würde. Der Autor erzählt auf den ersten 60 Seiten viel über seine Kindheit in Jugoslawien, wie er aufgewachsen ist, er erzählt von seiner Großmutter, seinen Eltern. Ich wusste nicht, ob seine Geschichte noch weitergehen würde, ob man irgendwann einen roten Faden erkennen könne. Auch an den Schreibstil musste ich mich anfangs erst gewöhnen. Der Punkt, an dem das Buch immer besser wurde, war meiner Meinung nach der, als er nach Deutschland kam. Ab da konnte ich besser nachempfinden, was der Autor berichtete, was er durchmachte, habe seine Gedankengänge verstanden. Auch den Schreibstil mochte ich von Seite zu Seite mehr. Tatsächlich war er wirklich einzigartig und poetisch! Ich war begeistert, wie jemand, dessen Muttersprache nicht deutsch ist, so wunderschön schreiben kann! Das Buch besteht eigentlich nur aus ganz vielen kurzen Kapiteln, die ganz verschiedene Aspekte aus seinem Leben, seiner Herkunft, darstellen. Er berichtet von Freunden, die ihm viel bedeutet haben, von seiner Familie, von der Schulzeit. Alles mit dem Hintergrund seiner Herkunft, wie er dahin gekommen ist, wo er heute steht. Dem Leser wird deutlich, dass die Frage "Wo kommst du her?" eben nicht so einfach zu beantworten ist, denn viele Menschen könnten auf diese Frage 10 verschiedenen Antworten geben. Ich hab das Buch wirklich gerne gelesen, zumindest nach den Startschwierigkeiten. Auch das Ende war spannend, da man sein eigenen Ende finden konnte. Der Leser konnte selbst entscheiden, in welche Richtung die Geschichte gehen sollte. Je nach Entscheidung musste man auf einer anderen Seite weiterlesen, was das ganze noch um einiges persönlicher machte. Ein Buch, das sich wirklich flüssig lesen lässt und das es sich schon allein wegen des Schreibstils lohnt zu lesen! Von mir gibt es: ⭐⭐⭐⭐/⭐⭐⭐⭐⭐
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