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ZUSAMMENFASSUNG
Kinder sind kein Thema für Andrea. Sie hat einen Job, der okay ist. Sie führt seit vielen Jahren eine Beziehung mit Georg, die okay ist. Andrea will sich nicht festlegen, Georg will ein Fundament für ein gemeinsames Leben - ein Dilemma. Als sie aus dem jährlichen Urlaub in Jesolo zurückkommen, ändert sich alles - Andrea ist schwanger. Hin- und hergerissen entscheidet sie sich für das Kind - und geht damit einen Kompromiss nach dem anderen ein: Sie nimmt einen Kredit auf, obwohl sie nie Schulden haben wollte; sie zieht ins Haus ihrer Schwiegereltern, obwohl sie nie mit ihnen zusammenleben wollte. Von allen Seiten prasseln Ratschläge auf Andrea nieder, und sie wird in eine Mutterrolle gedrängt, mit der sie sich nicht identifizieren kann.
BIOGRAFIE
Tanja Raich wurde 1986 in Meran geboren und hat Germanistik und Geschichte studiert. Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften (Kolik, Lichtungen, Die Rampe u.a.) und Anthologien. Verschiedene Preise und Stipendien, u.a. 2. Platz beim Münchner Kurzgeschichtenwettbewerb 2015, Finalistin beim 20. MDR-Literaturwettbewerb, Rom-Stipendium des Bundeskanzleramtes Österreich, Exil-Literaturpreis 2014. Tanja Raich lebt in Wien. Jesolo ist ihr erster Roman. Er war für den Österreichischen Buchpreis in der Kategorie Debüt nominiert.
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REZENSIONEN
Bewertet von stefanie aus frei..., bastilkarton und andere
stefaniefreigericht
bastilkarton
miss_mesmerized
stefanie aus freigericht
Sprachlich brilliantes + absolut nicht rosarotes Buch über eine Schwangerschaft Gelegentlich darf man von einem Buch den Klappentext lesen, so bei diesem. Es steht genau das darin, was passiert, nicht mehr, nicht weniger. Aber wie es dann im Buch steht, das ist die Kunst. Urlaub in Jesolo. Sie liest Dostojewski, er heißt Georg 35, und es ist o.k., auch wenn es letztes Jahr besser war. Seit Weihnachten trägt sie seinen Ring, aber es ist kein Verlobungsring, darauf wird Wert gelegt. Er will, dass sie zu ihm zieht. Sie hat das Gefühl, dass man sich zu gut kennt. „Jetzt bist du in die Speisekarte vertieft. Du wirst ein großes Bier und eine Diavola bestellen, wie immer. Zuerst musst du dir aber die gesamte Karte ansehen und minutenlang überlegen, was du nehmen könntest. … Ich würde dir gerne sagen, dass es nicht darum geht, ein Theater zu machen oder nicht, sondern darum, dass wir stundenlang laufen müssen, obwohl gleich neben dem Hotel ein Restaurant wäre, das genauso nett und genauso gut wie dieses hier ist. Aber ich sage es nicht, weil ich mir einen schönen Abend mit dir wünsche.“ Autorin Tanja Raich hat es auf den ersten Seiten geschafft, dass ich mich ertappt fühlt, wenn auch in meinem Leben mit etwas geteilten Rollen. Diese Dialoge sind so herrlich aus dem Leben. Überhaupt, sprachlich ist das klasse, ich liebe besonders diese Listen, mit dem Wirbel und Kopfkino oder Aussagen, die da auf die Hauptfigur hereinprasseln: „Ihre Fragen steuern zuerst zaghaft, dann immer bestimmter auf uns zu. Seit wann. Warum erfahren wir das erst jetzt. Ist es gesund. Ist es ein Mädchen. Man sieht ja noch gar nichts. Wann ist der nächste Kontrolltermin. Wer ist dein Frauenarzt. Wann zieht ihr ein. Wann renovieren wir. Wann gehst du in Mutterschutz. Wie lange bleibst du zu Hause. Wann kaufen wir die Einrichtung. Wohin soll das Kinderzimmer. Braucht ihr ein zweites Auto. Habt ihr schon einen Namen. Warum isst du so wenig.“ Aus der kleinen Reibung wird nach der Heimkehr ein großer Streit. Sie will mit ihm reden, er ist nicht da. Danach entdeckt sie, schwanger zu sein. Sie hadert, lange, erzählt ihm erst nichts, dann reden sie doch und sind wieder ein Paar, glücklich wie lange nicht. Bald jedoch beginnt, ja was? Der Alltag? Die Umsetzung von Georgs Wünschen? Die Einordnung von Andi in die Realität – oder die Selbstaufgabe, oder von beidem etwas? Ich war sehr angetan von diesem Buch, das einmal nicht alles rosarot darstellt oder alternativ als Glück unterbrochen von einem kleinen Drama, das mal so eben gelöst wird, oder als Drama, das zwingend zum Glück führt. Die Ich-Erzählerin hadert lange und immer wieder, mit der Beziehung, mit der Schwangerschaft, mit dem, was danach kommen soll. Währenddessen erzählen ihr wirklich alle, dass Kinder immer nur ein großes Glück sind. Kein Platz für Wochenbettdepressionen oder einfach andere Lebenskonzepte, nicht einmal für geteilte Elternzeit. Dass die Frau Andi heißt, Andrea, erfährt man erst sehr spät. Ich denke, dass passt, für mich verschwand sie irgendwann als eigenständige Persönlichkeit. Sie hatte nie vor, bei den Schwiegereltern zu wohnen, nie vor, so zu werden. Doch es kommt anders. Georg übernimmt den Hausbau mit seinem Vater, die Schwiegermutter plant, welche Möbel in der Wohnung stehen sollen, das Geld kommt von den Schwiegereltern und einem plötzlich viel höheren Kredit als je geplant. Und bei der Heimkehr von der Arbeit putzt Schwiegermama im Bad, ist ja alles gut gemeint (also gut gemeint als Gegenteil zu gut?). Und sie wird doch natürlich ein paar Jahre daheim bleiben, das ist gut für die Kinder. Kinder? Noch ist sie schwanger mit dem ersten. Früh kommt bei mir Beklemmung auf. Was bilden die Menschen sich ein mit ihren Einmischungen? Da gibt es Tipps zu allem möglichen, jeder weiß es besser. Das ist leider sehr realistisch. Ab irgendeinem Zeitpunkt mutiert mir das ganze aber zu sehr zu einer Art „Stepford Wives“. Nie setzt sich Andi für sich selbst ein. Als die Frau von Georgs Bruder „endlich“ schwanger ist, erteilt Andi die Ratschläge. Und was kommt nach dem Ende des Buchs? Wird sie so wirklich dauerhaft glücklich sein? Ja, es gibt ausreichend Menschen, die das genau so wollen. Die wollten das aber meist schon vorher. Welchen Freiraum gibt es für sie? Für mich hinterlässt das Ende ein ungutes Gefühl, ich bin mir nicht sicher, ob das zum Buch passt oder gerade nicht. 5 Sterne.
2 Wows
Inhalt: Jedes Mädchen träumt eigentlich von dem perfekten vollkommenen Leben. Mann, Haus, Kind, um nur ein paar der großen Lebensstationen zu nennen, die im Prinzip jede Frau eines Tages besucht haben möchte. Nicht doch Andrea. Denn sie hat sich all das nie gewünscht. Doch das Leben kommt anders und sie schafft es nicht, ihren eigenen Willen durzusetzten. Ihr Leben ist durchgängig "okay", doch die große Freude und Aufregung fehlt. Ihr Mann ist okay, ihr Leben ist okay. Eines Tages ist sie schwanger- obwohl sie eigentlich nicht schwanger sein wollte. Sie nimmt einen Kredit auf- obwohl sie nie einen Kredit aufnehmen wollte. Sie zieht bei ihrer Schwiegermutter ein- obwohl sie nicht bei ihrer Schwiegermutter einziehen wollte. Meinung: Dieses Buch hat mich wirklich auf allen Ebenen in den Wahnsinn getrieben- was ich in diesem Fall leider auch keineswegs positiv meine. Mehrfach war ich wirklich kurz davor, dass Buch an die Wand zu werfen. Ich war frustiert, genervt, entsetzt, schockiert. Genau damit hat Tanja Raich auch bewusst gespielt, doch mich hat es wirklich einfach nur verrückt gemacht. Der Gedanke dieses Buches war es ja, dass die Protagonistin einfach zu allem "ja" sagt, was man sie fragt, was die Gesellschaft vorschreibt. Denn die moderne Gesellschaft bestimmt praktisch, was zu einem perfekten Leben gehört. Familie, Haus und Job sind so in etwa die Zutaten für ein glückliches Dasein. Doch Tanja Raich wollte bewusst damit provozieren, dass man trotz allem nicht immer die persönlichen Wünsche erfüllt hat, wenn man all diese Stationen auf seiner Liste abhaken kann, dass die Rolle der Frau aber so stark definiert ist, dass man praktisch in dem vorgeplanten Leben ersticken kann. Deswegen hat Andrea ihre eigenen Bedürfnisse hinten angestellt und nur die Erwartungen anderer erfüllt. Doch ich wollte Andrea einfach immer nur schütteln. Ich habe sie stumm angeschrien, geradezu verzweifelt angefleht, dass sie doch bitte einmal "nein" sagt. Ein einziges Mal auf sich hört. Sachen nicht einfach über sich ergehen lässt, sondern offen sagt, dass sie nicht will, da sie nicht in der Stimmung ist, dass sie sich etwas anderes von ihrem Leben versprochen hat. Gleichzeitig hat mich dieser Schreibstil komplett rappelig gemacht. Normalerweise empfinde ich eine innere Ruhe, wenn ich lese, doch bei "Jesolo" hätte ich Wände hochgehen können. Das ganze Buch war komplett parataktisch. Ein Hauptsatz ohne jegliche Ausschmückung folgte dem nächsten, und auf Dauer haben mir einfach die Adjektive gefehlt, die malerische Sprache. So wirkte die ganze Geschichte auf mich irgendwie eindimensional, die Charaktere farblos, die Geschichte nicht aussagekräftig genug. Vielleicht macht dieser Schreibstil genau das, was er soll: verrückt. Er passt zu dem schnöden Leben, dass Andrea führt, doch trotzdem sind auch die Gefühle nur eindimensional herübergekommen. Mich hat das Buch irgendwie heruntergezogen. Ich konnte mit keinem Charakter wirklich sympathisieren, und das bei wörtlicher Rede die Satzzeichen fehlten, hat mich komplett verwirrt und jedes Mal musste ich nachrechnen, wer nun mit Sprechen dran ist. Ein weiterer Aspekt, der mich irre gemacht hat. Das einzig positive für mich war, dass Tanja Raich wirklich in vielen Passagen den Nagel auf den Kopf getroffen hat. Ich habe mich und die Ansprüche der Gesellschaft mehrfach wiedergefunden. Sehr eindrucksvoll fand ich das an einer Stelle, als Andrea alle Sprüche aufzählt, die sie als Schwangere gesagt bekommt. Es sind die allgemeinen Floskeln, die man immer wieder aufschnappt, wenn es um das Kinderkriegen und Schwangersein geht. Die unterschwellige Kritik an den Ansprüchen an das Individuum von der Gesellschaft waren keineswegs aus der Luft gegriffen, sonder hatten einen großen Wiedererkennungsfaktor. Trotz allem konnte mich das Buch nicht überzeugen. Ich glaube, dass es fast das erste Mal in meiner Geschichte als Rezensentin ist, dass ich 1 Stern vergebe. Ich kann mir vorstellen, dass so mancher das Buch auf seine Art sicherlich mag, denn wie ich bereits erwähnt hatte, wollte Tanja Raich bewusst provozieren, einen verrückt machen damit, dass Andrea nie "Nein" sagt und die Ansprüche der Gesellschaft bargen ein Wiedererkennungspotential. Doch alleine der Schreibstil war einfach absolut nicht meins, die ganzen Hauptsätze haben meinen Lesefluss immer und immer wieder unterbrochen und ich konnte mich mit dem Buch leider gar nicht identifizieren.
Wow
Andrea und Georg, beide Mitte 30 und mit beiden Beinen im Leben stehend. Sie machen Urlaub in Jesolo, weil sie immer Urlaub in Jesolo machen. Sie kennen das Hotel, den Stand mit den immer gleichen Liegen, die Umgebung und wissen, worauf sie sich einlassen. Doch statt entspannter Tage verbringen sie die schönste Zeit des Jahres mit Streitigkeiten. Ein wiederkehrendes Thema ist Andreas Weigerung, mit Georg zusammenzuziehen. Sie will ihre Freiheit nicht aufgeben, er will und kann sie nicht verstehen. Im Haus seiner Eltern ist genügend Platz, sie können die Miete sparen, haben Unterstützung. Für Andrea die Vorhölle. Doch dann teilt ihr Arzt ihr mit, dass sie schwanger ist. Sie denkt über Abtreibung nach, sagt Georg nicht Bescheid, bis sie die vermeintlich freudige Nachricht doch teilt und sich für das gemeinsame Leben entscheidet. Ein Leben, das nicht ihres ist, das sie nie wollte und das sie schon hasst, bevor es beginnt. Tanja Raich bringt in ihrem Roman das Dilemma der heutigen Frau auf den Punkt. Jahrelang schildert man ihr die Illusion der beruflichen Selbstverwirklichung, lässt sie zur Karriere ansetzen und suggeriert ihr, dass sie die ganze Welt haben kann. Doch dann wird sie 30 und aus der ganzen Welt wird plötzlich Kinder, Küche, Kirche. Wer sich sträubt, muss den Gegenwind aushalten, Alternativen zum tradierten Rollenverständnis gibt es nicht. Ihr Erstlingswerk hat ihr die Nominierung auf der Shortlist Debüt 2019 des Österreichischen Buchpreises beschert, einer Auszeichnung, der man aufgrund ihrer Sprachversiertheit nur uneingeschränkt zustimmen kann. Vom Ende her betrachtet, beginnt der Roman interessanterweise geradezu mit dem Auflösen der Beziehung der beiden Protagonisten. Man wundert sich, dass sie den finalen Schritt nicht endlich tun, so quälend sind ihre Auseinandersetzungen. Sie verletzten sich gegenseitig absichtlich, nichts scheint sie mehr zu verbinden. Nur nach außen erhalten sie noch den Schein. Die Zäsur kommt durch die Schwangerschaft. Lange war ich überzeugt, dass Andrea sich gegen das Kind, gegen Georg und gegen das gemeinsame Leben entscheidet. Doch dann kommt es anders und genau das, wovor sie immer Angst hatte, tritt ein. Noch stellt sie Bedingungen an das gemeinsame Leben, doch mit dem Heranwachsen des Kindes schwindet ihr Widerstand und mit ihm verschwindet Andrea: „Das ist nur der Anfang. Dieser Strudel wird uns immer weiter nach unten ziehen. Aber vielleicht zieht dieser Strudel nur mich nach unten, während du sorglos an der Oberfläche weiterschwimmst.“ Georg realisiert seinen Traum vom Haus, von der Familie, von der Idylle auf dem Land. Immer beratend an seiner Seite: seine Eltern. Andrea ist nur ein Möbelstück, ein Accessoire, das aber bitte nicht reinreden soll: „Was weiß ich schon von diesem neuen Leben. Darüber weißt du besser Bescheid.“ Und bald schon erkennt sie in sich die Kopie ihrer Schwiegermutter, die wartet, dass der Gatte nach Hause kommt, um ihm dann das heiße Essen zu servieren. Wenig deutet zu Beginn des Buchs auf das hin, was Andrea widerfährt. Aber so ist nun mal das Leben und Tanja Raich schildert authentisch, wie Frauen in diese Rolle hineingedrängt werden, zunächst ganz sachte, sich irgendwann ergeben und einfach machen, was man von ihnen erwartet. Widerstand ist zwecklos bzw. der Zeitpunkt, um einen anderen Weg einzuschlagen, wurde einfach verpasst. Sie können daran verzweifeln oder sich einreden, dass das auch ihr Traum ist. Ist ja auch alles ganz toll. Nur halt nicht das, was sie vom Leben erwarteten, wovon sie träumten, was aus ihnen hätte werden können. Dramaturgisch überzeugend, sprachlich stark – ein Debut, das mich schnell überzeugen konnte und das in seiner Aktualität nicht unterschätzt werden sollte, denn diese Generation wir irgendwann ausbrechen wollen und sich das zu holen, was man ihr versprochen hatte.
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