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Delphine de Vigan

Nach einer wahren Geschichte

Ist Teil der Reihe
DuMont Taschenbücher
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ZUSAMMENFASSUNG
Zwei Frauen lernen sich auf einer Party kennen. Die zurückhaltende Delphine, die sich mit fremden Menschen meist sehr schwer tut, ist sofort fasziniert von der klugen und eleganten L., die als Ghostwriter arbeitet. Aus gelegentlichen Treffen werden regelmäßige, man erzählt einander das eigene Leben, spricht über Familie und Freunde, vor allem über Freundinnen. Und natürlich über Bücher und Filme, die man liebt und bewundert. Delphine ist glücklich über die Gemeinsamkeiten und fühlt sich verstanden wie schon lange nicht mehr. Ganz entgegen ihrer Gewohnheit gibt sie in einem Gespräch über das Schreiben die Idee für ihr nächstes Buch preis. L. reagiert enttäuscht: Wie nur könne Delphine ihre Zeit auf eine erfundene Geschichte verschwenden? Eine Autorin ihres Formats müsse sich der Wahrheit verschreiben. Delphine ist entsetzt. L.s leidenschaftlich vorgetragene Forderung löst eine tiefe Verunsicherung in ihr aus. Bald kann sie weder Papier noch Stift in die Hand nehmen. L. scheint völlig unglücklich über das zu sein, was sie in der Freundin ausgelöst hat. Selbstlos übernimmt sie die Beantwortung von E-Mails, das Absagen von Lesungen und Interviews, das Vertrösten des Verlags, der auf einen neuen Roman wartet. Und all das in Delphines Namen. Keiner weiß davon, keiner kennt L., und so ist Delphine allein, als sie feststellt, dass L. ihr immer ähnlicher wird ... Das Hörbuch ist zeitgleich bei Random House Audio erschienen, gelesen von Martina Gedeck. »Nach einer wahren Geschichte« wird von Roman Polanski verfilmt (Drehbuch Olivier Assayas), mit Emmanuelle Seigner und Eva Green in den Hauptrollen.
BIOGRAFIE
Delphine de Vigan, geboren 1966, erreichte ihren endgültigen Durchbruch als Schriftstellerin mit dem Roman >No & ich< (2007), für den sie mit dem Prix des Libraires und dem Prix Rotary International 2008 ausgezeichnet wurde. Ihr Roman >Nach einer wahren Geschichte< (DuMont 2016) stand wochenlang auf der Bestsellerliste in Frankreich und erhielt 2015 den Prix Renaudot. Bei DuMont erschien außerdem 2017 ihr Debütroman >Tage ohne Hunger< und 2018 der Roman >Loyalitäten<. Die Autorin lebt mit ihren Doris Heinemann, geboren 1957, studierte Romanistik und Germanistik in Köln und Montpellier, arbeitete als Sprachlehrerin, als Übersetzerin im Generalsekretariat des EG-Ministerrats und übersetzt seit 1997 Literatur, u. a. von Christian Gailly, Gabriel Chevallier, Theresa Révay, Yann Queffélec, Jean-Claude Derey und Olivier Rolin.
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REZENSIONEN
Bewertet von awogfli, sommerlese und 3 andere
awogfli
sommerlese
daniliest
stricki
schokoloko28
Vor meiner Autorinnenchallenge, die ich 2017 startete, hatte ich zeitgenössische französischsprachige Schriftstellerinnen gar nicht auf dem Schirm, was sich für mich persönlich als kapitaler Fehler herausstellte. Mittlerweile habe ich diese eklatante Bildungslücke ein bisschen mit Nothomb und Despentes repariert und wollte mich ob meiner bisherigen begeisterten Eindrücke in nächster Zeit Delphine de Vigan zuwenden. War ich also bisher schon höchst angetan, bin ich nun von diesem Werk total hingerissen, völlig von den Socken. Bei all dem Hervorragenden, was ich bisher in dieser Literaturabteilung erlebt habe, sticht dieser Roman nochmals aus den ganzen Juwelen heraus – für mich fast schon der Kohinoor der 1A-Diamanten. Wer meine bisherigen Rezensionen kennt, weiß, dass ich mich selten vor Begeisterung überschlage, weil ich in ausgezeichneten Romanen immer noch ein kleines Haar in der Suppe finde, insofern zählt nun diese Einschätzung doppelt. Also was bietet diese unmittelbar vom Standpunkt der Ich-Erzählerin geschilderte Geschichte eigentlich? Sprachlich wundervoll konzipiert ist sie vordergründig ein Psychogramm, das die Beziehung einer Schriftstellerin zu ihrem weiblichen Psychopathen-Stalker-Fan beleuchtet, jedoch steckt noch so viel mehr hinter dieser Story, das ich mir nie hätte träumen lassen. Sorry, dass ich diesmal inhaltlich auch etwas spoilern muss, aber anders kann ich meine Begeisterung einfach nicht begründen, also wer jetzt schon restlos überzeugt ist und sich die Überraschung nicht verderben möchte, sollte ungefähr nach dem nächsten Absatz zu lesen aufhören. Der ganze Plot hat ursprünglich was von Stephen Kings Misery (She), wurde aber viel subtiler und weniger gewalttätig konzipiert. Die Figur der Autorin Delphine de Vigan versucht nach ihrem letzten, sehr erfolgreichen Roman wieder die Kraft aufzubringen, sich einem neuen Thema und Projekt zuzuwenden. In diesem geplanten Intermezzo zwischen zwei arbeitsintensiven Phasen lernt sie ihren weiblichen Fan L. kennen, der sich Schritt für Schritt ganz gemächlich in ihr Leben schleicht und im Prinzip alles übernimmt. Ganz leise und unterschwellig bedient die kluge, wunderschöne, sehr selbstbewusste L. die Ängste und Unsicherheiten der Schriftstellerin Delphine und fördert sie zutage, ohne in der ersten Phase übergriffig zu agieren. Durch den hintergründig aufgebauten Druck verursacht L. bei der Protagonistin eine veritable Schreibblockade. So ganz nebenbei wird hier erstmals dem Leser auch ein ganz tiefer, großartiger Einblick in den Schreibprozess und in die kreativen Kalamitäten gegeben, in die eine Schriftstellerin geraten kann, nachdem sie einen Bestseller gelandet hat und eigentlich gezwungen ist, auch das nächste Mal annähernd dieselbe Qualität wie beim letzten Meisterwerk abzuliefern. Das hat mich frappant an den Sänger Falco erinnert, der unmittelbar an dem Tag, als er als erster deutschsprachiger Sänger die Nummer 1 in den amerikanischen Billboard Charts erreichte, anstatt zu feiern todunglücklich reagiert hat und mit dem Ausspruch „Ab jetzt kann es nur mehr bergab gehen“ in die Musikgeschichte einging. "Das Schreiben muss eine Suche nach der Wahrheit sein, sonst ist es nichts. Wenn du dich durch das Schreiben nicht kennenzulernen versuchst, wenn du in dir nicht nach dem gräbst, was in dir wohnt, was dich ausmacht, wenn du nicht die Wunden wieder aufreißt, wenn du nicht mit den Händen wühlst und kratzt, wenn du deine Person, deine Herkunft, dein Milieu nicht in Frage stellst, hat es keinen Sinn. Schreiben gibt es nur als Schreiben über sich. Das Übrige zählt nicht." Nach und nach steigert die Psychopathin L. die Intensität der Interventionen. Sie trennt schrittweise die Figur Delphine von ihrer Umwelt und den Freunden (der Herde), um sie ganz vereinnahmen und besitzen zu können. Dabei vermeidet es L. aber geschickt, einen direkten Kontakt zu Delphines Umfeld aufzubauen, sie agiert immer im Hintergrund. L. bedient in diesem grandiosen Psychogramm vor allem die Ängste der Autorin bezüglich der Schreibblockade, um dann als Retterin aufzuschlagen, indem sie sogar beruflich für die Schriftstellerin einspringt, ihre Korrespondenz erledigt, Absagen erteilt, Vorworte und kleine Texte für andere Autoren verfasst, um Abgabeterminverschiebungen ersucht und Lesungen absolviert. Mittlerweile hat sich L. auch optisch enorm der Protagonistin angenähert und ist sogar bei ihr eingezogen – selbstverständlich nicht unter Zwang, aber Delphine sah sich im Rahmen der Freundschaft moralisch genötigt, L. in einer Notlage zu unterstützen. Alle Autonomiebestrebungen und Versuche, den neuen Roman zu beginnen, zertrümmert L. mit ganz hinterlistigen, viel zu hoch geschraubten Qualitätsansprüchen, die der selbstkritischen Delphine das Gefühl der Unfähigkeit geben. Nach einer Weile ist Delphine so verunsichert, dass sie nicht mal mehr einen Einkaufszettel schreiben kann. Sie spricht auch aus Scham nicht mit ihrem Umfeld über ihre Probleme, einzig L. ist ihre Komplizin in ihrem massiven persönlichen Versagen, dieser Schreibblockade. "Manchmal kommt mir das etwas abgenutzte Bild einer Spinne in den Sinn, die geduldig ihr Netz webt, oder eines Kraken, der mich mit seinen vielen Fangarmen unschlossen hätte. Aber es war etwas anderes. L. war eher eine leichte, durchscheinende Qualle, die sich auf einen Teil meiner Seele gesetzt hat. Die Berührung hat eine Verbrennung hinterlassen, die aber mit bloßem Auge nicht zu erkennen war. Diese Spur ließ mir scheinbar volle Bewegungsfreiheit. Doch mich band viel mehr an sie, als ich mir hätte vorstellen können." Mehrmals versucht die Protagonistin, die selbstreflektiert natürlich diese ganze ungesunde Umklammerung ihrer Persönlichkeit ziemlich punktgenau analysiert, sich aus dieser Situation zu befreien. Sie probiert, sich zuerst emotional abzugrenzen und trennt sich schließlich von L., indem sie sie aus der Wohnung und aus ihrem Leben weist. Das ganze Szenario eskaliert dann aber trotzdem nach einem Beinbruch, als die Autorin erneut die Hilfe von L. annimmt und im abgeschiedenen Wochenendhäuschen von Delphines Freund Francois – aufgrund des Trümmerbruchs nun auch noch körperlich sehr immobil – dieser Psychopathin vollends ausgeliefert ist. Nun zeigt sich L.s wahres Gesicht. Sie sperrt Delphine ein und vergiftet sie wochenlang schleichend, um sie total unter Kontrolle zu bringen. Nach einer sehr spektakulären Flucht glaubt man als Leser*in im Finale der Geschichte angekommen zu sein. Aber weit gefehlt! Nun spielt nicht die Figur, sondern die Autorin De Vigan mit der Realität und der Wahrnehmung. Könnte es sein, dass L. gar nicht existiert hat? Dass die Figur nur eine fiktive Manifestation der psychischen Probleme und der Schreibblockade der Protagonistin ist? Viele, zuvor als unwiderrufliche Fakten präsentierte Episoden könnten auch anders interpretiert werden, denn L. ist Delphines Freunden nie begegnet und ihre Spuren hat sie offensichtlich auch noch restlos beseitigt. Abschließend wird noch etwas Grandioses thematisiert. Wie viel der Protagonistin Delphine ist der Autorin de Vigan tatsächlich passiert? Gekonnt wird mit den Gegensätzen von Wahrheit (Biografie) und reiner Fiktion in der Literatur jongliert und beides ineinander aufgelöst. Wieviel Wahrheit und Wahrhaftigkeit des Lebens von Autor*innen ist in reiner fiktionaler Literatur vorhanden und wie wahr beziehungsweise geschönt ist Biografisches – oder ist es fast gleich? Das ganze Buch kokettiert ja zwangsläufig mit dieser Frage, selbst mein Mann dachte beim ersten Blick auf den Roman, es sei eine Biografie, dabei ist Nach einer wahren Geschichte nur der Titel und nicht die Beschreibung des Werks. Fazit: Absoluter Buchstoffhöhepunkt 2020! Einzigartig! Ein Teil Thriller, viel Psychologisches und Philosophisches in einer sprachlich grandiosen fiktionalen Geschichte (oder auch nicht?) verpackt. Dieses Werk ist so wundervoll vielschichtig und nicht nur vordergründig, sondern auch auf einer Metaebene so spannend, dass ich eben nur noch hingerissen war.
5 Wows
Die Autorin Delphine de Vigan ist eine zurückhaltende Person und lernt auf einer Party die faszinierende L. kennen, die als als Ghostwriterin arbeitet. Die beiden Frauen lernen sich näher kennen und treffen sich regelmäßig. Dabei sprechen sie über ihr Leben, über ihr Schreiben, Bücher und über ihre Familie. Sie entdecken viele Gemeinsamkeiten und Delphine geniesst die Gesellschaft von L. L. kritisiert in ihren Gesprächen über Delphines Bücher die fiktiven Themen, sie solle sich der Wahrheit verschreiben. Delphine stürzt in eine tiefe depressive Krise, in der sie nicht mehr schreiben kann. Scheinbar betroffen übernimmt L. in Delphines Namen die Kontakte und Mails zur Außenwelt. Alle warten auf den neuen Roman. "Ja, Schreiben ist eine Waffe... eine Rakete, ein Flammenwerfer, eine Kriegswaffe. Es kann alles zerstören, aber es kann genauso gut alles wieder aufbauen. " Zitat S. 153 Die Schriftstellerin Delphine beschreibt ihr Schreiben und Leben und ihre Freundschaft zu L., einer Frau, mit der sie auf einer Wellenlänge zu sein scheint. Bei diesem Roman wird dem Seelenleben der Frauen und ihren Übereinstimmungen viel Raum gegeben. Anfangs sind sie mir nicht besonders nahe, zu diffus bildet sich die Persönlichkeit ab. Man fragt sich, wohin der Roman einen führt. Aber allmählich steht man inmitten der Personen und erlebt ein seltsames Spiel mit. Die Gedanken kreisen um die Delphines Kinder, den Freund und natürlich L. Aber was geschieht wirklich? Die einseitige Betrachtung aus der Sicht von Delphine verwehrt uns den wahren Blick. Nichts kann für wahr hingenommen werden. Delphine hat eine Art Verrücktheit. "Ich dachte, L. habe meine kleine Verrücktheit erkannt und ich ihre. Vielleicht ist eine Begegnung, ob nun eine amouröse oder freundschaftliche, genau das, zwei Funken Wahnsinn, die sich erkennen und gefangen nehmen." Zitat S. 129 In der Beschreibung von L. erklärt Delphine sie so tief verstehend, dass man sich fragt, ob sie nicht doch ein und dieselbe Person sein könnten. Oder ist es nur ein Teil von Delphine, die sich nach einer solchen Person und guten Freundin sehnt? Hier meint man eventuell eine schizophrene Ausprägung bei Delphine zu sehen, es bleibt jedoch ungewiss. Als L. bei Delphine einzieht, übernimmt sie die Kontrolle über Delphine, diese erlebt eine Schreibblockkade und verliert die Kontakte zur Außenwelt. Die Korrespondenz erledigt nun L. Von diesem Moment an fragt man sich, was hat L. vor? Das kann ich nun nicht weiter ausführen, der weitere Inhalt würde sonst verraten. Die Geschichte wirkt empathisch und detailliert aus der Sicht von Delphine erzählt. Der Schreibstil ist angenehm und klug und man ist in einem Spiel um Wahrheit und Fiktion gefangen. Ein interessanter Roman mit tiefen Einblicken in die wahre Geschichte, bei der man erstaunt liest.
2 Wows
Durch das in knalligem Rot gestaltete Cover sticht Delphine de Vigans Roman „Nach einer wahren Geschichte“ ins Auge und auch der Plot machte mich neugierig.  Auf einer Party lernt Delphine die geheimnisvolle L. kennen. Die beiden Frauen entdecken viele Gemeinsamkeiten und schon bald verbindet sie eine intensive Freundschaft.  Als Delphine L. von der Idee zu ihrem neuen Roman erzählt, stößt sie auf große Ablehnung, was Delphine in eine von Selbstzweifeln geplagte Schaffenskrise stürzt. Verfolgt von Panikattacken gelingt es ihr nicht mehr am Computer zu arbeiten oder auch nur einen Stift zu halten.  In dieser schweren Zeit steht ihr L. zur Seite, in dem sie in Delphines Namen jegliche Schreibarbeiten übernimmt und ihr dabei auf mysteriöse Weise immer ähnlicher wird.  Die Idee, das jemand die Identität eines anderen einfach so annehmen könnte ist unheimlich und deswegen ein fesselnder Plot für einen Roman.  Wer hier allerdings einen Psychothriller erwartet wird enttäuscht sein.  Bei „Nach einer wahren Geschichte“ handelt es sich im Grunde um einen Monolog. Es fühlt sich an, als hätte man sich mit Delphine auf einen Kaffee getroffen und würde ihren Erzählungen lauschen. Dabei drückt sie sich sehr ausschweifend aus und verzettelt sich teilweise in Nebensächlichkeiten und übertriebener Detailtreue. Auch wiederholt sich sich an manchen Stellen, was jedoch den Charakter des Monologs authentischer werden lässt.  Letztendlich hat das Buch nur zwei Protagonisten. Delphine und L., deren vollständigen Namen der Leser nicht erfährt. Delphines Lebensgefährte und die Kinder werden zwar erwähnt, treten jedoch nur am Rande in Erscheinung.  Insgesamt blieben die Charaktere eindimensional für mich und ich konnte sie mir nicht wirklich vorstellen. Das führe ich auf den bereits erwähnten Monolog-Stil zurück, denn ich fühlte mich mehr wie ein Zuhörer, als wie jemand, der in die Geschichte eintaucht und sie miterlebt.  Durch die ruhige Erzählweise fiel es mir zunächst schwer, mich in das Buch einzufinden, ab einem bestimmten Punkt war ich dann dennoch so gefesselt, dass ich das zweite Drittel an einem einzigen Nachmittag durchgelesen habe.  Zurück bleiben viele Fragen um das Mysterium L.  Hat es diese Frau im Leben der Delphine aus dem Buch wirklich gegeben. Handelt es sich hier vielleicht sogar um ein autobiographisches Werk der Autorin?  Dieses Buch verwischt die Grenzen zwischen Wahrheit und Fiktion und lässt dem Leser Spielraum für die eigene Interpretation.  Ich persönlich hätte mir jedoch ein eindeutigeres Ende gewünscht.
Wow
Grenzenlose Freundschaft "Nach einer wahren Geschichte" ist das Folgebuch auf "Das Lächeln meiner Mutter". Delphine de Vigan hat hart an den Folgen der Veröffentlichung ihrer nicht ganz einfachen Familiengeschichte zu knabbern, einige Verwandte und Freunde nehmen es ihr übel, dass sie so viel preis gegeben hat. Die eh sensible Autorin ist angeschlagen. Da lernt sie auf einer Party die attraktive L kennen. Ebenfalls Autorin, eine Ghostwriterin. Die beiden Frauen verstehen sich prächtig, sie freunden sich an. Soweit so gut, wer kennt das nicht, aus Fremden werden Bekannte, man lernt sich kennen, man hat Gemeinsamkeiten, der Kontakt intensiviert sich. Manchmal hat man ein komisches Gefühl und distanziert sich auch wieder, bei anderen Menschen wird bald klar: Wir sind voll und ganz auf einer Wellenlänge. Wellenlänge. Tja, gibt es das wirklich? Oder sollten die Alarmglocken schrillen, wenn da zuviel Ähnlichkeiten und Vorlieben vorhanden sind? Wer ist der/die Andere? Können wir davon ausgehen, dass der/die Andere uns nur Gutes will? Vielleicht muss man es auch mal erlebt haben, dass eine vermeintlich gute Freundin sich plötzlich als ganz anderer Mensch entpuppt, um den Reiz dieses Buches nachvollziehen zu können. Ich habe es erlebt, dass eine neue Freundin ein Doppelleben führte, ich plötzlich in eine Lügengeschichte verstrickt war und es gar nicht so einfach war, mich daraus zu befreien. Das Faszinierendste daran war allerdings, dass ich dachte, die andere zu kennen, und plötzlich stellt sich heraus, viele Dinge waren über Monate ganz anders, als ich sie wahr genommen habe. Zurück zum Buch! Diese spezielle Freundin L ist ungemein hilfsbereit und verfügt auch über die Zeit, Delphine unter die Arme zu greifen und ihr viel Unangenehmes abzunehmen. Immer öfter spricht sie davon, was "wir wollen und brauchen", und was "uns nicht gut tut". Ab und an schrillt eine Alarmglocke in Delphines Kopf, was sie aber verdrängt, zu dankbar ist sie für die Unterstützung. Die Vereinnahmung schreitet langsam aber sicher voran, und man möchte die Autorin rütteln und schütteln. Der gesamte Prozess ist ungemein spannend inszeniert, bis zum furiosen Ende. Man könnte jetzt noch über das eine oder andere Detail diskutieren, das Buch verleitet dazu, die Geschichte weiterzudenken. Vielleicht ist das auch das Wahnwitzige - L hat sich so eingemischt, dass man plötzlich denkt, man hätte das gleiche Recht, der Autorin erzählen zu wollen, wie sie es noch besser machen hätte können ...!!! Ein psychologischer Geniestreich.
3 Wows
Delphine de Vigan hat gerade das Buch über ihre depressive Mutter beendet und möchte ein neues Buch beginnen. In diesem Prozess lernt sie L. kennen. Sie kommen sich immer näher. Und obwohl Delphine eher ein Mensch ist, der keine engere Kontakte sucht, wird L. immer wichtiger in ihrem Leben. Sie sehen sich jeden Tag und es entwickelt eine innige, tiefe Freundschaft. Delphine erzählt L. ihre Idee über ein neues Buch. Doch L. scheint davon nicht begeistert zu sein. Und anstatt sich von ihrer Freundin zu distanzieren und auf ihre Bauchgefühl zu hören, wird Delphine immer unsicherer. Dies mündet zu einer Schreibblockade. Sie kann nicht mehr am Computer sitzen oder generell etwas schreiben. L. übernimmt diese Tätigkeiten. Dies wirkt sich sehr dominant und beengend auf das Leben von Delphine. Und noch viel schlimmer als L. aus ihrer Wohnung raus muss, zieht sie bei Delphine ein. Delphine besitzt nicht das Durchsetzungsvermögen und die Fähigkeit auf ihre Intuition sich von L. abzugrenzen. Delphine wird immer abhängiger von L. Es kommt zu einem Show- Down in einem Landhaus. Als L. Delphine pflegen muss, da diese ein Mittelfußknochenbruch zugezogen hatte. Fazit: Das Buch liest sich leicht und locker. Als es zum Show- Down im Landhaus kommt, konnte ich kaum das Buch zur Seite legen. Es war spannend. Die prägnante Sprache hat mich mitgerissen. Delphine de Vigan finde ich ein tolle Autorin!
1 Wow
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