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Berit Glanz

Pixeltänzer

UnterhaltungGegenwartsliteratur
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ZUSAMMENFASSUNG
Elisabeth, von allen nur Beta genannt, arbeitet in einem Startup: Ihr Alltag wird von Pitches und Teambuilding-Maßnahmen bestimmt; in ihrer spärlichen Freizeit entwickelt sie Tiermodelle am 3D-Drucker und probiert sich durch die Berliner Eisdielen. Als ein Fremder unter dem seltsamen Alias Toboggan sie über eine App kontaktiert, ändert sich ihr Leben. Sein Profilbild weckt ihre Neugier, doch anstelle einer Antwort schickt er sie auf virtuelle Spurensuche. Sie führt Beta zu der Geschichte des Künstlerpaars Lavinia und Walter, das in den Zwanzigerjahren in grotesken Ganzkörpermasken Tanztheater aufführte und mit bürgerlichen Konventionen brach. Statt der erhofften Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen kommt es zur Tragödie, als Lavinia zur Waffe greift. Doch je mehr Beta von den beiden erfährt, sich in ihre Hingabe an die Kunst hineinversetzt und mögliche Auswege auslotet, umso stärker wird die Sehnsucht, aus ihrem eigenen oberflächlichen Dasein auszubrechen. Eine Reise nach Barcelona bietet ihr und ihrem Team die ungeahnte Möglichkeit, Technik ins Absurde oder doch in Kunst zu verwandeln – und Beta ergreift ihre Chance.
BIOGRAFIE
Berit Glanz, 1982 geboren, hat in München, Stockholm und Reykjavík studiert und ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Neuere Skandinavische Literaturen der Universität Greifswald. Sie war Finalistin beim 24. open mike und Teilnehmerin der Textwerkstatt Kölner Schmiede. Für ihr Romandebüt "Pixeltänzer" wurde sie 2017 mit dem Literaturpreis und dem Publikumspreis Mecklenburg-Vorpommern ausgezeichnet.

PRODUKTDETAILS

Erscheinungsdatum
30.07.2019
Ausgabe
eBook
ISBN
9783731761679
Sprache
German
Seiten
256
Schlagworte
App, Lavinia Schulz, Maskenfiguren, Berlin, moderne Arbeitswelt, Toboggan, Hamburg, Künstlerszene, Tinder, Liebe, Programmierung, Digital Native, Generation Y, Start-up, Walter Holdt
MOJOS
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REZENSIONEN
Bewertet von bri, Hanna Esser und 2 andere
bri
nabura
onkelvolker
christinadongowski
Elisabeth, von allen kurz Beta genannt, lebt in Berlin und ist in einem angesagten Start-Up für die Qualitätskontrolle der entwickelten Software zuständig. Technikaffin wie sie ist, besitzt sie einen 3-D-Drucker, mit dem sie vor allem kleine Tiermodelle erstellt. Sie versucht versteckte Berliner Eisdielen ausfindig zu machen und damit ihren Alltag aufzulockern, der wie heute fast schon üblich von Teambuildingmaßnahmen, Abgabeterminen und Ideenfindung bestimmt wird. Am Morgen nach einem One-Night-Stand lädt sie sich eine App auf ihr Mobiltelefon, mit deren Hilfe sie durch fremde Personen, die irgendwo auf dem Planeten ansässig sein können, zu einem gewünschten Zeitpunkt wecken lässt - ein Gespräch ist doch ein sehr viel sanfterer oder zumindest besserer Einstieg in den Tag, als das übliche Weckerklingeln, meinen die Entwickler von Dawntastic, wie sich die App nennt. Dass Dawntastic der Anfang einer grandiosen Schnitzeljagd sein und Betas Leben mit ihr bisher unbekannten, künstlerischen Bereichen, einer anderen Zeit und vor allem mit anderen Menschen verbinden könnte, das ist ihr allerdings nicht klar ... "Pixeltänzer" - ein Titel, der sich nicht gleich erschließt, für ein Buch, das nicht das ist, was es uns auf den ersten Blick glauben machen will. Hier geht es nicht vorrangig darum, aktuelle Lebensrealität möglichst getreu abzubilden und die Leser*innen in die hippe Welt Berliner Start-Ups zu führen. Wie gesagt nicht vorrangig und schon gar nicht nur. Wie Betas Vater im Roman rät: „Du musst es unters Mikroskop legen. Schau genau hin, dann ist es wunderschön.“ so sollten auch die Leser*innen dieses überraschenden und grandiosen Debüts an den Roman herangehen. Ihn genau betrachten, nicht nur seinen Inhalt, sondern auch die klug gebildete Struktur wahrnehmen, die Teil des Gesamtkonzepts und gleichzeitig Spiegel des Inhalts ist. Zwei Zeitebenen werden hier nicht nur nebeneinander gestellt, sondern berühren sich fast, versucht Beta doch über das merkwürdige Profilbild eines ihrer Dawntastic-Anrufer mehr herauszufinden und landet unversehens bei Lavinia Schulz und deren leider kaum mehr bekannten Kunst und Lebensgeschichte. Ein wunderbarer Kniff, der die moderne Welt der Bits und Bites auf die expressionistische Kunst Lavinias treffen lässt. So wie Beta fasziniert vom Profilbild des Dawntastic Users Toboggan auf Lavinia stößt, so suchte ich, nachdem ich 90 Seiten des Romans in kürzester Zeit inhaliert und nachts sogar von den Ganzkörpermasken Lavinias geträumt hatte, nach mehr Information über sie und ihre Kunst. Nicht, um zu prüfen, inwieweit die fiktive Geschichte Lavinias im Roman mit der Realität übereinstimmen könnte, sondern weil die Art dieser Kunst eine eigentümliche Faszination ausübt, der man sich schlecht entziehen kann. Eloquent und flüssig vermag Berit Glanz es, den beiden Zeitebenen des Romans den perfekten sprachlichen Raum zu geben. Die Passagen, die Beta, die uns als Ich-Erzählerin durch ihr Leben leitet, betreffen, spielen gekonnt mit den Segnungen des modernen, hippen Berlin, ohne glatt oder oberflächlich zu wirken. Geschickt vermeidet die Autorin eine häufig in Texten, die sich stark an der Realität orientieren, zu findende Beliebigkeit. Die Textabschnitte sind frisch und präzise formuliert und ausgearbeitet. Einen gewissen Gegensatz bilden dazu die Texteinschübe, die Lavinias Leben, ihr leidenschaftlich künstlerisches, intensives Wesen fast körperlich spürbar machen, und die Leser*innen gezielt in eine andere Zeit und Atmosphäre versetzen. Übergänge werden mühelos über die Verbindung der für Beta zu einer Art Schnitzeljagd ausartenden Kommunikation mit Toboggan geschaffen. Nichts wirkt unverbunden oder nicht ausgearbeitet, alle Teile der Collage fügen sich trotz der Dualität, die die einzelnen Struktur gebenden Versatzstücke auch in den Figuren Betas und Lavinias aufzeigen, zusammen. Und der Zeitpunkt der Überlappung beider Bereiche markiert folgerichtig auch das Ende des Romans mit der Möglichkeit für die Leser*innen, sich die weiterführende Geschichte selbst auszumalen. Pixeltänzer ist ein überraschendes Buch, das für mich ein absolutes Lesehighlight - nicht nur 2019 - darstellt. Es birgt viel mehr in sich, als man es in einem Vorschautext oder einer Klappenbeschreibung fassen könnte. Die Vielschichtigkeit, die klugen Wendungen und Auflösungen, die wunderbare sprachliche Gestaltung - all das trägt zu einem rundum perfekten Leseerlebnis bei. Ich freue mich sehr über diese Entdeckung, die mir meinen Horizont erweitert hat. Es gäbe noch viel mehr zu diesem Regaljuwel zu sagen, doch ich beschränke mich hier und jetzt auf ein striktes: LEST DIESES BUCH!
2 Wows
Elisabeth, die von allen nur Beta genannt wird, arbeitet in einem Berliner Startup als Programmiererin. Die Arbeitsatmosphäre ist jung und dymanisch, man setzt auf moderne Arbeitsmethoden und Teambuilding. Als sie die App Dawntastic entdeckt, die Weck-Anrufe aus der ganzen Welt anbietet, meldet sie sich kurzerhand an. Bei einem netten Gespräch mit einem Anrufer aus den USA, der aus Hamburg kommt, weckt sein Profilbild ihr Interesse. Es zeigt ein seltsames Wesen, doch auf ihre Rückfrage verrät er nur, dass es mit seinem Nutzernamen Toboggan zusammenhängt. Das ist für Beta der Beginn einer digitalen Schnitzeljagd, die sie auf eine Reise in die expressionistische Szene zu Beginn des 20. Jahrhunderts mitnimmt. Beta lässt den Leser an ihrem Alltagsleben teilhaben und ich fühlte mich ihr schnell vertraut. Ihren nerdigen Charakter mochte ich sehr und mir wurde ihre Faszination für Insekten, die sie zu Hause mit ihrem 3D-Drucker nachbildet, ebenso begreiflich gemacht wie ihr Interesse an der App Dawntastic. Nach dem Anruf mit Toboggan zeigt sie Einfallsreichtum und kommuniziert mit ihm auf überraschende Weise. Sie erhält von ihm Hinweise, die sie zu Orten in der realen Welt führen, und Texte, die ihr Stück für Stück mehr verraten. Ich fand es spannend, gemeinsam mit Beta in die Vergangenheit einzutauchen und mehr über das Schicksal einer expressionistischen Künstlerin zu erfahren. In der Gegenwart setzt die Schnitzeljagd etwas in Beta in Bewegung und lässt sie neue Wege gehen. Dabei kommt es zu zahlreichen amüsanten Szenen. Insgesamt konnte mich das Buch mit seiner nerdigen Protagonistin und dem ungewöhnlichen Thema der Spurensuche begeistern. Ich empfehle es sehr gern weiter!
2 Wows
Der Titel passt perfekt – denn sowohl die Autorin wie auch ihre Hauptfiguren führen hier einen wunderbaren Tanz auf, der sich über verschiedene Zeit- und Erzählebenen erstreckt. Für mich lebt der Roman neben seiner Sprache vor allem von dem Kontrast zwischen der Berliner Startup-Kultur der Jetztzeit sowie der Kunst- und Tanzszene der Weimarer Republik die, insbesondere was ihre kreativen Produktionsbedingungen anbelangt, unterschiedlicher nicht sein könnten und doch von der gleichen Energie angetrieben zu sein scheinen. Die Hauptfiguren sind zwei junge, talentierte Frauen auf der Suche nach ihrem Platz in der Welt. Auf der einen Seite haben wir Elisabeth, Beta genannt, die in einem Startup arbeitet und ein Faible für Tiermodelle aus ihrem 3D-Drucker hat. Auf der anderen Seite die junge Lavinia, die aus der bürgerlichen Enge ihrer Heimatstadt Lübben ausbricht, um ein kompromissloses Leben als Künstlerin zu führen. Was die beiden Frauen verbindet, ist der Toboggan – eine von Lavinia geschaffenen Tanz-Maske, hinter der sich in der Jetztzeit eine anonyme Netz-Bekanntschaft Betas verbirgt und die gleichzeitig das Leitmotiv dieser digital-analogen Schnitzeljagd (oder besser: dieses Buchstaben-Tanzes) ist. Und ebenso wenig, wie man Lavinia die Schwere ihrer Tanz-Maske bei ihren Auftritten ansieht, lässt auch Berit Glanz das Schwere leicht erscheinen, so elegant und leichtfüßig bewegt sie sich durch ihr Sujet – gerade wenn am Ende beide Protagonistinnen auf ihre Weise scheitern: die eine ideell, die andere ganz existenziell. Ganz großes, berührendes Kopf-Kino und klare Lese-Empfehlung!
8 Wows
Ein Gegenwartsroman, bei dem „dieses Internet“ & das Digitale nicht als Marker für „Gegenwart / sehr gegenwärtiger Gegenwartsroman!“ verwendet, sondern realistisch erzählt werden, als Elemente, Strukturen, Techniken, die einfach Teil der Welt und des Lebens von Leuten sind. Die Start-up-Firma als Setting & Codes- & Prozess Management-Handbuch-Schnipsel als Epigraphe kann einem anfangs bisschen gewollt & billig gesellschaftskritisch vorkommen, aber das sind nur die eigenen Vorurteile. Nach 3, 4 Seiten ist ziemlich klar, dass Berit Glanz Kreativindustrie als Bewusstseins- & gesellschaftliche Organisationsform ganz unironisch ganz ernst nimmt als das, was sie ist: die Realität, unsere natürliche Umgebung - und dass das auch eine Geschichte hat: So kommen die Maskentänzer Lavinia Schulz & Walter Holt ins Spiel. Ins Spiel gebracht werden sie durch die schlaue Digitalisierung des alten Erzähltricks von romantischen & post-modernen Romanen: der Zufall, in Form einer App, würfelt der Ich-Erzählerin eine geheimnisvolle Figur zu & sie nimmt die Chance auf eine Flucht o. Entdeckungsreise in eine andere Welt an. „Früher“ hätte die Heldin den Faden, der sie in das Labyrinth vergangener Leben echter historischer Figuren führen wird, in einem alten Buch gefunden - oder auf dem Dachboden eines Museums, wie es mit dem Nachlass von Schulz & Holt tatsächlich geschehen ist. Auch wieder so ein lässiger Erzähl-Move der Autorin, die in ihrem Roman ganze Bibliotheken zu Theorien von Fiktionalität & Faktizität, Geschichte & Realität als Konstruktion, der Kunst (im Pixeltänzer steckt eine interessante Kritik an Autonomie-Theorien & ihrer Verbindung zur Produktifizierung von allem & jeden drin) & natürlich Medientheorie in die spannende Geschichte einer Schnitzeljagd durch das große Menschheitsarchiv Internet verwandelt, auf der Beta & Freund*innen Fragen nach Identität, den sich neu sortierenden Demarkationslinien zwischen „dem richtigen Leben“ & der postulierten Irrealität des Digitalen nicht als theoretische Spielchen, sondern als eigene Lebenspraxis verhandeln. Aber keine Angst: Wen das alles nicht interessiert, liest hier eine spannende Geschichte über Leute auf der Suche nach dem heiligen Gral, die entdecken, das der Gral, selbst als Anti-Gral, nicht die Lösung des Problems ist. Sondern das gemeinsame Weiter-Basteln an Alltagspraxen, die einem selbst & anderen ein bisschen mehr Handlungsfreiheiten in den modernen Kontrollgesellschaften ermöglichen.
10 Wows
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