RegistrierenAnmelden
Android
iPhone
Peter Wyden

Stella Goldschlag

!
5/5
1 Bewertung
!
lesen will
!
lese ich
!
gelesen
!
INFO
!
MOJOS
!
REZENSIONEN
ZUSAMMENFASSUNG
Stella Goldschlag war blond, schön und schlagfertig. Sie war intelligent und vielseitig begabt und zu einer anderen Zeit, in einem anderen Land hätte sie wohl eine glänzende Karriere gemacht. Doch Stella war Jüdin und lebte in Deutschland. Ihre Eltern hatten es nicht geschafft, rechtzeitig auszureisen. Die Katastrophe trat ein, als Stella verhaftet und von der Gestapo gefoltert wurde. Um ihre Eltern vor der Deportation zu bewahren, erklärte sie sich bereit, versteckt lebende Juden an die Gestapo zu verraten. Ihre Eltern konnte sie nicht retten, und doch machte sie bis Kriegsende weiter, immer mörderisch effizient. Peter Wyden, geboren 1923 als Peter Weidenreich in Berlin, ist mit Stella Goldschlag zur Schule gegangen, und war, wie fast alle Jungen dort, in sie verliebt. Dass sie das »blonde Gift« wurde, die Greiferin, die hunderte Juden in den Tod geschickt hatte, erfuhr er, als er 1946 als junger US-Soldat nach Berlin zurückkehrte. Ihr Schicksal ließ ihn nicht los. Jahrelang recherchierte er für seine Biografie, sichtete Archivmaterial und sprach mit mehr als 150 Personen: Überlebenden, Augenzeugen, Historikern und Psychologen. Und er sprach mit Stella, die bis 1994 in Westdeutschland im Verborgenen lebte. Peter Wyden versteht es, uns die Tragödie der letzten Juden von Berlin nahezubringen. Er urteilt nicht und er entschuldigt nicht. Er erzählt eine wahre Geschichte.

PRODUKTDETAILS

Erscheinungsdatum
© 2019
Ausgabe
Hardcover
ISBN
9783958296084
Sprache
German
Seiten
384
Schlagworte
Judenverfolgung, NS-Zeit, Nazi Regime, Greifer, Juden
MOJOS
!
Dir liegt dieses Buch am Herzen?
Gib ihm als erste*r Dein Mojo!
REZENSIONEN
Bewertet von gwyn
gwyn
Der erste Satz: »Stellas Tochter lebt als Krankenschwester in Israel, ist fast fünfzig, drahtig, angespannt, immer auf der Hut vor lauernden Gefahren, wie ein Reh.« Nachdem Takis Würgers »Stella« (es kamen zu belletristischen und moralischen Einwänden zu diesem Buch obendrauf juristische Einwände wegen Verletzung des Persönlichkeitsrechts – und die Forderung, den Verkauf des Buches in der aktuellen Fassung zu unterbinden) immer noch heißdiskutiert wird, entschied ich mich, den fiktionalen Roman über Stella Goldschlag nicht zu lesen, der als Coming-of-age-Geschichte gestaltet ist. Aber Stella hat wirklich gelebt, und ich erfuhr, dass Peter Wyden Anfang der 90-er ein Sachbuch über Stella herausgebracht hatte. Auf dem antiquarischen Markt war das Buch bereits vergriffen. Der Steidl Verlag reagierte schnell und legte es neu auf, nun mit Vor- und Nachnamen: Stella Goldschlag. Wer war Stella (1922–1994) und was ist an ihrer Lebensgeschichte so unglaublich? Stella war Jüdin und lebte während des 3. Reichs in Berlin, Peter Wyden (damals noch Weidenreich) war ihr Klassenkamerad auf der jüdischen Schule. Er war, wie fast alle Jungen, in das »blonde Gift« verliebt, sie war die »Marilyn Monroe der Schule«. »Fast alle von uns handelten, wenn auch manchmal zu spät. Fast alle entkamen – mit tragischen Ausnahmen. Niemand von denen, die ich kannte, wartete einfach auf die Katastrophe, als die Gefahr deutlich wurde. Wir waren keine Schafe. Wir waren auf die eine oder andere Weise Überlebende, im Gegensatz zu den anderen, den Millionen, die untergingen, den Gefassten, die nicht die psychologischen und finanziellen Mittel hatten.« Mutter Weidenreich hatte schon früh nach Hitlers Machtergreifung darauf gedrungen das Land zu verlassen. Man hatte sich frühzeitig um Ausreisepapiere bemüht, aber auch das brauchte seine Zeit. Zum einen benötigte man jemanden im Ausland, der eine Einladung schickte, der für den Lebensunterhalt bürgte, oder man brachte genügend Geld mit ins Land. Die Weidenreichs hatten eine Einladung aus den USA und genügend Kapital für die Papiere, denn Hitlerdeutschland verlangte eine dicke Gebühr für die Republikflucht und die Schiffspassage war auch nicht billig. Das heißt, die Weidenreichs gehörten zu den wenigen privilegierten Juden, die sich die Ausreise leisten konnten, und die das Glück hatten, frühzeitig einen Ausreiseantrag zu stellen und auch eine Genehmigung erhielten. »Sie war eine Prinzessin aus jener snobistischen Gruppe, die sich ›Deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens‹ nannte. ... Sie waren erfolgreich, zu erkennbar mit ihren eindeutig jüdischen Namen, dem Neid der Nichtjuden zu sehr ausgesetzt. Sie nahmen zu häufig Positionen im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses ein. Alle großen Berliner Warenhäuser – Wertheim, Hermann Tietz, N. Israel, KaDeWe – gehörten Juden. Alle wichtigen Zeitungsverleger und dreizehn der Theaterkritiker waren Juden. Die Bekleidungsindustrie, eine bedeutende Branche, war, wie allgemein bekannt, in jüdischer Hand.« Die Goldschlags glaubten sich sicher in Hitlers Armen und als sie endlich kapierten, was los war, versuchten sie alles, um fortzukommen, hatten sogar von einem Verwandten aus den USA eine Schiffspassage bezahlt bekommen, doch das Schiff lief in Portugal ohne sie aus, da weder aus den USA die Einreise genehmigt war, noch die Ausreise aus Deutschland. Sie waren zu spät dran – die Länder auf der Welt weigerten sich, weitere Flüchtlinge aufzunehmen und Deutschland ließ die Juden nicht mehr hinaus. Wir erinnern uns an die Irrfahrt der St. Louis, die 937 flüchtende deutschen Juden an Bord hatte. Sie durften in Havanna nicht aussteigen, die USA verweigerte die Aufnahme und sie mussten zurückkehren. Ein Teil wurde von den Niederlanden, Frankreich (dort wurden sie später aufgegriffen) und England aufgenommen, der Rest musste nach Deutschland zurückkehren. Immerhin schafften es die Goldschlags, sich der Deportation zu entziehen. Stella, mittlerweile verheiratet, verlor allerdings ihren Mann, der aus der Fabrik abgeholt wurde und kurz darauf in einem KZ verstarb. Wie viele andere Juden tauchten die Goldschlags unter, zogen von Versteck zu Versteck, wobei Dreistigkeit siegte: Sie trugen keinen Stern, denn hellblonde Juden suchten die Nazis nicht. Im großen Berlin war es möglich, unterzutauchen. Im August 1943 wurden sie doch erwischt und im Sammellager Große Hamburger Straße inhaftiert. Und nun begann der Teil des Lebens von Stella Goldschlag, der sie nach dem Krieg vor Gericht brachte: Sie wurde im berüchtigten Keller des Gestapo-Hauptquartiers in der Berliner Burgstraße von der Gestapo gefoltert und ließ sich nun als sogenannte »Greiferin« engagieren. Auch U-Boote genannt, Juden, die durch die Stadt zogen und versteckte Juden aufgriffen, sie an die Gestapo ausliefern. Damit, so wurde ihr gesagt, würde die Familie Goldschlag vor der Deportation gerettet. Allerdings wurden die Eltern dann doch deportiert, starben im Konzentrationslager Auschwitz und Stella macht trotzdem weiter in ihrem Job, um sich selbst zu schützen, wie sie später aussagte. Sie war mit ihrem neuen Ehemann Rolf Isaaksohn als Greiferpaar unterwegs, und sie waren in Berlin berüchtigt und gefürchtet. Sie wussten, wo sich versteckte Juden aufhielten, essen gingen (denn im Restaurant oder Imbiss benötigte man keine Lebensmittelmarken), welche Theater sie besuchten, welche Bars. Und sie kannten ziemlich viele Leute, erkannten, wie sich Untergetauchte verhalten. Die wunderschöne Stella wirkte sympathisch, sie fand schnell Zugang zu Menschen, horchte sie aus. Rolf und Stella, das beste Greiferpaar der Gestapo. »Der grauhaarige SS-Mann, der die Neuankömmlinge in Empfang nahm, hatte einen geruhsamen Job. Er informierte die erwartungsvollen Familien, dass die Männer in der Fabrik arbeiten würden, die Frauen im Haushalt, und dass die Kinder in die Schule kämen. Manchmal klatschten die Zuhörer Beifall. ... Seine Schauspielerei war großartig; niemand konnte vermuten, dass er diese Rede bis zu zehn Mal täglich hielt. ... Ein Schild wies den Weg ›Zum Bad‹. Stattdessen fanden sich aber die nackten Opfer plötzlich im Freien, von SS-Leuten umgeben, die Peitschen schwangen und sie in die zwei grauen geschlossenen Lastwagen von Saurer trieben, die an der Rampe standen. Die Menschen – rund fünfzig pro Lastwagen – schrien und versuchten zu entkommen. Es war zu spät.« Peter Wyden beschreibt in der Biografie Stellas aber nicht nur das Leben von Stella, sondern das gesamte Geschehen in Berlin, um seine Familie, befreundete Familien, die Menschen um Stella herum, berichtet von KZ-Erlebnissen. Somit ist das Buch ein beeindruckendes Zeitzeugnis der Hitlerära und der Nachkriegsjahre. Wyden beschreibt, wie Stella von den Russen als Kollaborateurin verurteilt wurde, ins Arbeitslager ging und später von den Westalliierten erneut vor Gericht gestellt wurde. Er selbst ist als Journalist in diesem Prozess anwesend. Und Jahre später trifft er sich mit ihr, versucht herauszubekommen, warum sie diesen Job gemacht hat. Er trifft sich auch mit der Tochter von Stella, die der Mutter weggenommen wurde, als sie inhaftiert wurde. Yvonne war damals 4 Monate alt. Später versuchte die Mutter, ihre Tochter zurückzubekommen, was unter anderem sicherlich an ihrer so typischen Übergriffigkeit scheiterte. Die Tochter sagte sich von ihr los, wehrte sich bereits mit vierzehn Jahren vor Gericht gegen die Mutter, wanderte später nach Israel aus. »Wer der Folter erlag, kann nicht mehr heimisch werden in der Welt; die Schmach der Vernichtung lässt sich nicht austilgen. Das zum Teil schon mit dem ersten Schlag, in vollem Umfang aber schließlich in der Tortur eingestürzte Weltvertrauen wird nicht wiedergewonnen.« Peter Wyden, mit der Familie in die USA geflüchtet, kommt als US-Soldat wieder zurück nach Europa, nach Berlin. Er wird Chefredakteur der von der US-Armee nach Beendigung des Krieges in Berlin herausgegebenen »Allgemeinen Zeitung«. Der erste Reporter, den er einstellt, heißt Egon Bahr, der später in der westdeutschen Entspannungspolitik eine wichtige Rolle spielen wird, und Peter Bönisch gehörte zu den Journalisten der ersten Stunde. Bereits zu dieser Zeit recherchierte Wyden zu Stella Goldschlag, eine faszinierende Frau, die ihn nie losgelassen hat. Er spürt Zeitzeugen auf und schafft es, sie zum Erzählen zu bringen, zum Schluss trifft er sich sogar mehrfach mit Stella selbst. Nie verurteilt Wyden Stellas Taten, er beleuchtet ihr Wesen von allen Seiten, indem er Zeitzeugen zu Wort kommen lässt, sich in Dokumente einliest. Er befragt Historiker und Psychologen. Das Buch geht unter die Haut. Es beschreibt ein Berlin, das auch die Juden unterteilt, »die Deutschen« und die Juden, die gerade aus dem Osten zugewandert waren, die in den äußeren Stadtteilen wohnten, kaum Deutsch sprachen, oft ungebildet waren. Ein großer Teil der Ersteren glaubte, Adolf Hitler meine nicht sie, die Deutschen, sondern die Ausländer, mit denen die deutschen Juden auch nichts zu tun haben wollten. Und Wyden ist sehr eindeutig, wenn es um Geld geht: Wer es sich leisten konnte, der versuchte zu gehen, der konnte falsche Papiere kaufen, Leute bestechen, versuchen, sich von dannen zu machen, dafür zahlen, dass er versteckt wurde. Wer arm war, der hatte keine Chance. Am Ende des Buchs sagt Peter Wyden, ohne Stellas Unterstützung wäre dieses Buch ein anderes geworden, ein Buch, »das mir so viel Moral und Sitte aufbürdete ... Wie dankt man einer chronischen Lügnerin, die, in mörderische Verschwörung verwickelt, für zahllose Tode verantwortlich ist und sich doch in bemerkenswertem Maße geöffnet hat? ... Danke Stella. Es kann für dich nicht leicht gewesen sein.« Leider kann man hier nur kurze Texte einstellen, die Rezension geht weiter: https://literaturblog-sabine-ibing.blogspot.com/p/stella-goldschlag-von-peter-weyden.html

mojoreads

log.os GmbH & Co. KG

Dudenstraße 10

10965 Berlin


log.os India Private Limited

301, CScape Building, Pandurangapuram, HPCL Colony

Visakhapatnam, Andhra Pradesh - 530003, India.

+91-6302521306 | content-india@mojoreads.com


© 2019 mojoreads