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Dies ist mein erstes Buch der französischen Autorin Anna Gavalda. Bisher habe ich nur die Verfilmung ihres Romans „Zusammen ist man weniger allein“ mit Audrey Tautou gesehen, die ich sehr unterhaltsam fand. Bei „Ab morgen wird alles anders“ handelt es sich um eine Sammlung von fünf kurzen Geschichten, die von Verlust, Liebe, Hoffnung oder dem ganz alltäglichen Wahnsinn/Leben nebst Schattenseiten erzählen. Dabei legt die Autorin den Fokus auf Figuren, denen man tatsächlich auf der Autobahn, in einem Café, auf einer Baustelle oder wo auch immer im Frankreich der Gegenwart über den Weg laufen könnte. Die Protagonisten wirken lebensnah, echt und wie vom Leben selbst gezeichnet. Mit mal sympathischen und weniger sympathischen Charaktereigenschaften, die die Figuren umso menschlicher erscheinen lassen.

Da ist der LKW-Fahrer Jeannot in „Mein Hund wird sterben“, der abermals ohnmächtig mit dem Thema Tod konfrontiert wird und folglich erneut vor den Trümmern seines Lebens steht. Durch die abwechselnden Gefühlseindrücke des Ich-Erzählers in der Gegenwart sowie Vergangenheit bekommt man einen guten Eindruck seiner Verzweiflung und Resignation geboten. Denn der Verlust eines geliebten Menschen bedeutet nicht nur Schmerz, sondern, wie in dieser Geschichte einfühlsam nachempfunden, auch lebenseinschneidende Veränderungen für die Zurückgebliebenen.

In „Mathilde“ erlebt die gleichnamige Heldin ein höchst skurriles Abenteuer der Sorte ‚Hochmut kommt vor dem Fall‘. In fünf Akten lernt der Leser eine höchst eigenwillige Ich-Erzählerin kennen, die eingangs von Zynismus und Prahlerei geprägt ist. Bis die angebliche Kunststudentin einen großen Fehler begeht, folglich Bekanntschaft mit einem sonderlichen Zeitgenossen macht und sich plötzlich selbst ziemlich klein und unscheinbar vorkommt. Für mich eine der unterhaltsamsten Geschichten. Mathilde ist zwar kein einfaches Persönchen (manch Leser dürfte ihre taktlose Art ablehnen) und das Nebenpersonal ist (wie es sich für eine Kurzgeschichte gehört) sehr einfach gezeichnet, dennoch habe ich lange nicht mehr so herzlich gelacht beim Lesen eines Buches – angefangen von Mathildes ungewöhnlicher Berufswahl bis hin zum letzten Akt ihrer absolut nicht Hollywood liken Odyssee durch Frankreich. Erfrischend ist nicht nur der plötzliche Perspektivwechsel nach dem dritten Akt, sondern auch Mathildes ungeschönte Ausdrucksweise á la „Erbarmen, dachte ich, er ist nicht nur hässlich, er ist auch noch besoffen“. Eine Geschichte, die man blöd finden oder lieben wird.

In „Meine Kraftpunkte“ muss sich ein dreifacher Vater und Gutachter mit unterschiedlichen Rissen auseinandersetzen. Ebenfalls eine lesenswerte Alltagsgeschichte, in welcher der Ich-Erzähler beruflich übel in der Klemme steckt, aufgrund seines logischen Sachverstandes aber privat doch stets gute Lösungen findet und am Ende neue Kraft sammelt. Hier findet die Autorin passende Metaphern und Vergleiche und beeindruckte mich vor allem mit der taktvollen Klärung eines wahrlich nicht einfachen Sachverhaltes in den respekteinflößenden Räumen einer Grundschule.

In „Yann“ geht der gleichnamige Protagonist in zwölf Minikapiteln seinen ganz eigenen Weg. Der (erfolglos) studierte Designer fühlt sich vom Leben und den gesellschaftlichen Zwängen verarscht. Der Mitzwanziger sieht in seinem Leben keinen richtigen Sinn, alles läuft so vor sich hin … bis er zwei Hausnachbarn näher kennenlernt und erkennt, was seinem Leben wirklich fehlt. Ebenfalls eine anregende Kurzgeschichte, wobei die typisch französische Begeisterung fürs Essen hier für meinen Geschmack zu ausufernd beschrieben wird und ich Yanns Geschichte bis zum letzten Drittel nur halb so spannend fand, wie die von Mathilde. Die Handlung tritt streckenweise etwas auf der Stelle und ließ mich zuweilen in Gedanken abschweifen. Dennoch eine Geschichte mit Charakter und interessanten Ideen. Am Ende gefiel mir Yanns Konsequenz, auch wenn sie doch arg schuldzuweisend daherkommt, weil man eben nur seine Sicht der Dinge kennt. Dennoch erfährt man gleichzeitig mehr über Yann und sein Umfeld und bei ihm wird am nächsten Morgen wirklich alles anders.

In „Minnesang“ geht es um die 23-jährige Lulu, die in einer Tierhandlung arbeitet und spontan mit einer Freundin zu einer Party geht. Dort trifft sie auf einen Poeten, der sie zum Nachdenken bringt… Diese Geschichte gehört wie „Mein Hund wird sterben“ und „Meine Kraftpunkte“ zu den kurzlebigsten Geschichten. Dennoch konnte sie mich weniger überzeugen als die Vorgänger. Lulu ist in etwa mit Mathilde vergleichbar. Auch hier ist die Sprache/Denkweise eher vulgärer Natur (es wird eben kein Blatt vor den Mund genommen) und in Sachen Männer sowie im Allgemein haben beide ihr chaotisches/einsames Päckchen zu tragen. Der „Minnesang“ liest sich flott weg und auch hier mochte ich die Moral der Geschichte (wie man so schön sagt). Doch durch die Kürze der Geschichte fand ich diesmal leider keinen richtigen Zugang zu der Figur. Überdies gleicht die Ich-Erzählweise für mich zu sehr der von Mathilde und Yann – als wären alle drei Charaktere (für mich) ein und dieselbe Person.

Fazit:

In fünf unterschiedlichen Kurzgeschichten ändert sich das Leben von fünf Franzosen, denen man in Paris/Frankreich gefühlt tatsächlich über den Weg laufen könnte. Anna Gavalda nimmt kein Blatt vor den Mund und zeigt die Schattenseiten des Lebens auf – mit mal sympathischen und weniger sympathischen Charakterzügen der Hauptfiguren (was umso echter wirkt). Und am Ende ist da doch immer ein Fünkchen Hoffnung auf ein „Ab morgen wird alles besser“. Der zuweilen abschweifende, tiefsinnige und unverblümte Schreibstil der Autorin ist dann gewiss eine Geschmacksfrage.
Ab morgen wird alles anders
Ab morgen wird alles anders
Anna Gavalda
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