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Kate und Nova sind zwei Frauen, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Kate ist Architektin und mit dem gewalttätigen Polizisten Tony verheiratet. In der Ehe geht sie unter, ihr Hobby, das Malen, hat sie aufgegeben, sie funktioniert nur noch. Als sie im Streit mit Tony eine Hirnblutung erleidet, lernt sie im Krankenhaus Nova kennen.
Nova ist von Geburt an blind und Dolmetscherin bei der Polizei. Sie kommt mit ihrem Leben gut klar, doch als ihr Bruder Alex ihr von einer neuen Operationsmethode berichtet, mit der sie ihr Augenlicht bekommen könnte, lässt sie sich auf das Experiment ein. Was hoffnungsvoll beginnt, wirft sie vollkommen aus der Bahn, ihr Gehirn kommt mit der Flut neuer Informationen nicht klar.
Kate und Nova verlieben sich schließlich und schlagen sich gemeinsam aus ihren aussichtslosen Lagen.

›Die Welt in allen Farben‹, Joe Heaps Debütroman, erscheint am 16.09.2019 bei HarperCollins. Der Roman umfasst in der rezensierten Fassung 399 Seiten, die sich in 36 Kapitel gliedern; die erste Auflage wird mit 480 Seiten angekündigt. Für das Rezensionsexemplar darf ich mich bei Vorablesen und HarperCollins bedanken.

›Die Welt in allen Farben‹ war, wie zwischen mir und HarperCollins fast schon üblich, ein Coverfund – obwohl das Rezensionsexemplar leider nicht das toll getroffene Cover der ersten Auflage hat. Erfreulich, dass mich mein Auge wieder nicht getäuscht hat. Joe Heaps Debütroman erfüllt meine Erwartungen und ist durchaus lesenswert. Er entführt die Lesenden in eine Welt, die auch ich bisher viel einfacher gestrickt in meiner Vorstellung hatte. Die Frage, wie ein blinder Mensch damit klar kommt, plötzlich Sehen zu können, klingt zunächst einfach. Erst ist alles dunkel, dann geht das Licht an und man funktioniert wie jeder Mensch.

Weit gefehlt! Wenn das Gehirn plötzlich Informationen bekommt, die es nicht zuordnen, mit denen es schlicht nichts anfangen kann, stürzt man in ein gewaltiges Chaos. Die Welt, auf die man bisher eingestellt war, hat sich plötzlich radikal verändert. Das Gehirn, das nie mit dem Konzept Bild in Berührung gekommen ist – diese Erkenntnis hatte ich bisher auch komplett übersehen – muss dieses Konzept erst mal darzustellen lernen. Wir Sehenden denken ständig in Bildern, da ist die Vorstellung, wie das auch anders gehen kann, tatsächlich schwer nachvollziehbar. Wenn nun das Gehirn plötzlich permanent mit einer Unzahl an Informationen zu ebendiesem Konzept gefüttert wird, mit denen es aber nichts anzufangen weiß, sind die Folgen drastisch. Totale Reizüberflutung und Überforderung in der Verarbeitung. Nova schlägt sich genau mit diesen Problemen herum und zerbricht beinahe an ihnen. Das setzt Heap wirklich gut nachfühlbar um.

Das zweite große Thema ist häusliche Gewalt. Obwohl im ersten Teil in der Hinsicht eigentlich viel passiert, ist es für mich etwas in den Hintergrund geraten. Das fand ich etwas schade, weil auch die Hintergründe, wegen denen Kate trotzdem in der Beziehung bleibt, etwas untergehen. Allerdings tariert sich das nach dem ersten Teil aus. Wir lernen Kate und ihre Vergangenheit besser kennen und auch die Ursachen für ihr Bleiben. Der innere Zwiespalt, in den sie ihr Leben zwingt, wird von Heap überzeugend dargestellt. Die lapidare Reaktion Außenstehender, »Du hättest ihn ja verlassen können«, erscheint vor diesem Hintergrund als genau die wenig empathische Reaktion, die sie üblicherweise auch ist.

Joe Heap rundet seine Geschichte mit komplizierten, aber trotzdem sympathischen Protagonistinnen ab. Mir fiel es im ersten Teil noch etwas schwerer, mich auf Kate einzulassen. Das gab sich danach. Wie schon erwähnt kommt mir Kate im ersten Teil ein wenig zu kurz und ihr Verhalten macht es stellenweise nicht ganz einfach, sich auf sie einzulassen. Man gerät als Leser leicht in die Falle, ihr eine Mitverantwortung für ihre Lage zu geben. Möglich, dass Heap das so will, weil es ja in der Realität eine gängige Reaktion gegenüber Opfern häuslicher Gewalt ist. Dann wäre es geschickt umgesetzt.

Sprachlich ist der Roman einfühlsam umgesetzt, sehr passend zur Handlung. Besonders Novas Geschichte hat mich von Anfang an gefesselt, etwas später dann auch Kates und ihre gemeinsame. Ich habe mit ihnen gelacht und gelitten, der Plot ist ein Auf und Ab, man kommt fast zwangsweise irgendwann an den Punkt, an dem man Nova und Kate endlich ihre Ruhe wünscht.

Zusammenfassend ist ›Die Welt in allen Farben‹ ein tolles Debüt mit schwierigen Themen, die aber doch recht gut umgesetzt sind. Joe Heap bietet einen Einblick in eine Welt, die uns Sehenden wohl trotzdem recht verschlossen bleibt. Tatsächlich wüsste ich auch nicht, wie man mir die Wahrnehmung als Blinder erklären könnte, so dass ich sie verstehe. Aber die Erkenntnis, wie ich nicht mehr funktionieren würde, würde mir das Konzept der Visualisierung plötzlich gänzlich fremd sein, die konnte mir der Roman ganz gut vermitteln. In jedem Fall ein Buch, das den Horizont ein gutes Stück erweitern kann.
Die Welt in allen Farben
Die Welt in allen Farben
Joe Heap
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