Berlin im Frühjahr 1933. Ein Obdachloser wird ermordet. Der Mann war Weltkriegsveteran und Gereon Rath findet schnell heraus, dass seine damalige Einheit ein Geheimnis umgibt. Während ein weiteres Mitglied der Einheit seine Memoiren veröffentlichen will und damit in der Gunst der Nazis aufsteigt, sterben weitere seiner damaligen Kameraden.
Gleichzeitig brennt der Reichstag. Raths Mordinspektion wird auf ein Minimum reduziert, das Naziregime benötigt alle Kräfte, um die kommunistische Verschwörung, der der Brandanschlag zugeschrieben wird, aufzudecken. Rath, ebenfalls der Gestapo zugeteilt, ermittelt auf eigene Faust weiter.

›Märzgefallene‹ ist der fünfte Band in Volker Kutschers Zyklus ›Gereon Rath‹. Das Buch erschien 2014 bei Kiepenheuer & Witsch und umfasst 602 Seiten, die sich auf 112 Kapitel aufteilen.

Im Frühjahr 1933 beginnt sich das Naziregime zu manifestieren. Die Jagd auf Kommunisten ist spätestens nach dem Reichstagsbrand in vollem Gange, die Gestapo wird zur führenden polizeilichen Institution. Mit den Wahlen sterben kurz darauf die letzten Hoffnungen. Innerhalb der Gesellschaft beginnen sich Gräben zwischen Anhängern und Kritikern des neuen Reiches zu ziehen – bis hinein in Familienverbünde. All dies nimmt Volker Kutscher gekonnt auf und baut es in seinen Roman ein. Während Charly die Gefahr kommen sieht und sich mit den neuen Machthabern nicht anfreunden kann, verharmlost Gereon in seiner unpolitischen Art die Auswirkungen der Entwicklungen. Es wird schon alles wieder werden und die Kommunisten waren ja nun wirklich keine Kinder von Traurigkeit. Je stärker sich das Dritte Reich manifestiert, desto besser wird in meinen Augen Kutschers historische Einbettung. So wird leicht nachvollziehbar, welche Mechanismen dafür gesorgt haben, dass sich das Naziregime so manifestieren konnte. Das ist manchmal hart zu lesen – gerade Gereon hat in der Hinsicht einige Momente – aber es wirft ein Licht auch auf die Gleichgültigkeit der heutigen Zeit.

Kutschers Fall ist wie üblich komplex und spannend. ›Märzgefallene‹ schlägt mehrfach neue Richtungen ein, so einfach, wie es oft scheint, ist die Lösung nicht. Gleichzeitig spielt Kutscher auch in der Ermittlungsarbeit gekonnt die Probleme durch, mit denen sich Polizisten damals auseinandersetzen mussten. Die zunehmende Fixierung auf die politische Polizeiarbeit, damit einhergehend die erzwungene Vernachlässigung von echten Fällen. Gereon Rath ist Kriminalpolizist durch und durch, er kann diese Entwicklung nicht unterstützen. So beginnt er mit seiner Arbeit ein gefährliches Spiel neben der Gestapo.

Hinsichtlich der Entwicklung der Hauptfiguren tritt Kutscher mit Gereon ein wenig auf der Stelle. Das mag daran liegen, dass der weitgehend auserzählt ist, insbesondere weil er sich auf seine politisch gleichgültige Weise im Nationalsozialismus nicht weiterentwickelt. Das ist ein wenig schade und hinterlässt mir die Figur etwas zwiespältig. Aber diesen Weg ließ sein Charakter, wie er bisher gezeichnet wurde, durchaus offen. Charly hingegen rückt mehr in den Fokus. Mit ihrer kritischen Haltung läuft die politische Grenzlinie direkt durch das Haus der Raths – nicht so extrem, wie sie verlaufen könnte, aber durch Gereons Gleichgültigkeit doch mit erheblichem Konfliktpotenzial. Wie das weiter funktionieren kann, ich bin gespannt. Daneben hadert Charly auch mit ihrer Berufswahl bei der Polizei. Denn die Weibliche Polizei ist eine der ersten Einheiten, die politisiert wird. Sie fahnden quasi nur noch nach Jugendgruppen, die sich politisch unkonform verhalten. Damit arbeitet Charly dem Regime direkt zu, ein Zustand, der ihr ganz und gar nicht gefällt.

An realhistorischen Bezügen ist auch wieder gewohnt viel dabei. ›Märzgefallene‹ beginnt mit dem Reichstagsbrand und endet kurz nach den Bücherverbrennungen. Zahlreiche historische Figuren sind enthalten, hier bleibt Kutscher seiner Linie treu. Alles, was nicht direkt zum fiktiven Fall gehört, bleibt historisch so korrekt wie möglich. Wie eng er die Grenze um den Fall zieht, erkennt man schon daran, dass der Bereich der historischen Figuren bei Raths direktem Vorgesetzten Ernst Gennat beginnt. Das trägt durchaus stark zur Glaubwürdigkeit der beschriebenen Verhältnisse bei.

Alles in allem bleibe ich bei meiner letzten Bewertung: Je weiter Kutscher in der Zeitlinie ins Dritte Reich zieht, desto stimmiger werden die Krimis im Gesamten. So sehe ich gegenüber ›Die Akte Vaterland‹ auch bei ›Märzgefallene‹ wieder eine Steigerung. Das Buch wird hinsichtlich der Rahmenhandlung ungemütlicher, weil es die zwischenmenschlichen Bruchstellen sehr deutlich bespielt. Das macht es aber auch sehr gut, um gewisse gesellschaftliche Mechanismen besser zu verstehen. Allemal eine Empfehlung wert, der Krimianteil sowieso, bei dem enttäuscht Kutscher wohl nicht mehr.
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