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Linus, Niu, Adam und Kasper stehen auf ganz unterschiedliche Weise an Scheidepunkten ihrer Leben, als sie zusammen finden und mit dem Ting ein Start-up gründen. Das Ting soll das Leben der Menschen verbessern. Auf Basis zahlreicher Körper- und Umgebungswerte erstellt die KI Handlungsempfehlungen, die jeden individuell voran bringen sollen. Die Anschubphase ist holprig, doch mit einer Verpflichtung, den Empfehlungen uneingeschränkt zu folgen, geraten die vier Gründer tatsächlich auf die Erfolgsspur. Doch diese Verpflichtung bleibt nicht folgenlos und so geraten ihre Leben immer tiefer in die Fänge des Tings – mit verheerenden Folgen.

›Das Ting‹ ist Artur Dziuks Debütroman und erschien 2019 beim dtv-Imprint bold. Auf 463 Seiten erzählt Dziuk die Geschichten der vier Gründer im Wechsel aus ihren eigenen Perspektiven.

›Das Ting‹ beginnt mit einer verhältnismäßig langen Charaktereinführung. Fast das gesamte erste Drittel des Buches treibt die Geschichte auf den ersten Blick kaum voran, sondern befasst sich stattdessen mit den Hintergründen der vier angehenden Gründer. Erst später im Buch wird klarer, dass viele Punkte, die im Lesefluss als Charaktereinführung stattfanden, doch stark mit dem Fortgang der Geschichte verbunden sind. Das kann in der Situation langatmig wirken, hat aber durchaus seinen Sinn.

Die Figuren selber sind dann auch sehr detailliert konstruiert. Artur Dziuk gibt sich große Mühe, sie menschlich zu machen, was ihm gut gelingt. Abgesehen von Kasper hatte ich bei keiner der Figuren Probleme, mich in ihre Handlungsentscheidungen zu versetzen. Und auch die Probleme mit Kasper, die sich vor allem gen Ende des Buches gebildet haben, ließen sich durch genaueres Nachdenken über das Buch aus der Welt schaffen.

Überhaupt ist ›Das Ting‹ kein Buch, das seine Wirkung voll entfalten kann, wenn man nicht ein wenig über das Gelesene nachdenkt. Dziuk gelingt es, einen ganzen Haufen Kritik und Denkanstöße in seinem Werk zu platzieren. Das große Thema Selbstoptimierung und wie weit die Technologie dabei gehen sollte, ist omnipräsent über die komplette Geschichte. Spannend finde ich, dass Dziuk es schafft, die Technologie, die hinter dem Ting steckt, kaum zu zu spezifizieren – anders als das bei Science Fiction üblich ist. Man bekommt eine recht klare Sicht auf die Auswirkungen der Technik, aber keinen auf ihre eigentliche physische Manifestation. Sie wird in China gebaut, passt in ein Paket, hat zahlreiche Sensoren, nimmt auf irgendeine Weise eine ganze Reihe von Körper- und Umgebungswerten auf und kann sehr körpernahes Feedback geben. Inwieweit die Technik aber selber invasiv ist, bleibt beispielsweise ungenannt.

Technologie- bzw. Konzernkritik, die Dziuk bis zur Systemkritik ausweitet, nimmt daneben weiten Raum ein. Dabei beschränkt er sich nicht alleine auf die ethische Frage, wie viele Daten und Entscheidungen in die Hand von Konzernen und Algorithmen gelegt werden sollten. Auch die Unternehmensberatungs- und Investorenbranche kommt nicht allzu gut weg. Über allem schwebt die Frage, wie viel Kontrolle abgegeben werden sollte – sei es über das eigene Leben, die eigene Person, die eigene Idee und das eigene Unternehmen. Insgesamt zeichnet Dziuk ein ambivalentes Bild der Start-up-Szene: Einerseits die Freiheiten und nahezu uneingeschränkte Kreativität, andererseits die Zwänge, die mit der Finanzierung kommen. Ein wenig verstörend fand ich, dass Google zeitweise als moralische Instanz behandelt wird. Das gibt sich gegen Ende aber auch wieder, weil die Figur, die das hauptsächlich vertritt, die moralische Grundlage verliert.

Ein wenig schade fand ich, dass Dziuk, selber polnischer Herkunft, polnische Dialoganteile nicht im- oder explizit übersetzt. Man kann sich zwar in den meisten Fällen denken, was gesagt wurde, das ist aber weder sicher noch klappt es immer. Insgesamt ist das aber ein Kritikpunkt, der nicht ins Gewicht fällt.

Alles in allem ist ›Das Ting‹ ein hochaktueller, unterhaltsamer und zum Nachdenken anregender Roman. Ein gelungenes Debüt in jedem Fall. Die Geschichte liest sich flüssig, Dziuk schreibt sehr angenehm, und die Figuren sind nachfühlbar, wenn auch nicht immer im ersten Moment. Eine klare Empfehlung nicht nur für Freunde von Techromanen, die großen Fragen, die Dziuk aufwirft, sollten uns allen Gedanken machen.
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Das Ting
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Artur Dziuk
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