Was ist Herkunft, wenn das eigene Leben durch Krieg und Vertreibung schon in der Jugend zerrissen wurde? Saša Stanišić musste 1992 mit seinen Eltern vor dem Krieg in Jugoslawien fliehen, sie landeten in Heidelberg. Die Familie – eine große Familie, wie man schnell lernt – blieb teilweise bei Višegrad, teilweise verschlug es sie in die halbe Welt.
Mit ›Herkunft‹ fügt Stanišić sie literarisch wieder zusammen und verabschiedet sich gleichzeitig von seiner dementen Großmutter.

›Herkunft‹ erschien 2019 bei Luchterhand, 2020 folgt btb. Das Buch umfasst 355 Seiten, die sich in zahlreiche, meist relativ kurze Kapitel gliedern. Saša Stanišić wurde für ›Herkunft‹ mit dem Deutschen Buchpreis 2019 ausgezeichnet.

Das Buch ist, was man heute wohl einen autobiografischen Roman nennt. Stanišić erzählt recht ausführlich Episoden aus seiner Kindheit in der Nähe von Višegrad – damals noch Jugoslawien -, über seine Fluchtgeschichte, als Jugoslawien im Krieg zerbrach und er zunächst mit seiner Mutter nach Deutschland kam, und seine späteren Reisen zurück an seinen nun bosnischen Geburtsort. Im Laufe des Buches kristallisiert sich immer stärker heraus, dass er in seinen Erzählungen dabei Realität und Fiktion vermischt, teilweise beides gar nicht mehr klar trennen kann. ›Herkunft‹ lässt sich so, das soll aber auch so sein und macht einen erheblichen Teil seines Charmes aus, nicht eindeutig einem der beiden Genre zuordnen.

Inhaltlich ist ›Herkunft‹ vor allem eine Auseinandersetzung mit den eigenen Wurzeln. Saša Stanišić kam mit 14 Jahren nach Heidelberg, die Familie zerstreute sich mit der Zeit in alle Welt. Nach dem Zerfall Jugoslawiens reiste er einige Male an seinen Geburtsort zurück, wo vor allem die Großmutter eine zentrale Rolle in seinem Leben einnimmt. Die räumliche Trennung von ihr ist wohl eines der prägendsten Elemente, das Bedauern, nicht mehr von ihr erfahren zu haben, bevor die Demenz das unmöglich machte, ist allgegenwärtig. Gerade hier liegt aber wohl auch eines der großen Ziele des Buches: Die Verarbeitung von Demenz und Tod der Großmutter.

›Herkunft‹ gibt aber auch tiefe Einblicke in Geflüchtetenschicksale. Gerade die Phase in Heidelberg, wo man sich wohl noch glücklich schätzen konnte, ausgerechnet dort gelandet zu sein, ist in der Hinsicht sehr ausführlich. Das Temporäre, die praktischen Folgen, die sich daraus beispielsweise hinsichtlich Spracherwerbs der Erwachsenengeneration ergeben, die finanziellen und sozialen Probleme, all das macht Stanišić sehr gut nachfühlbar.

Auch an Haltung mangelt es dem Buch nicht. Es gibt zahlreiche inhaltliche Querverweise zur aktuellen gesellschaftlichen und politischen Entwicklung. Stellenweise sind sie ähnlich gefasst, wie Sibylle Berg sie in ›Wunderbare Jahre‹ als festes Stilmittel nutzte: In einem Kapitel über den erstarkenden Rassismus kurz vor dem Jugoslawienkrieg folgt zum Schluss ein kurzer Absatz mit Zahlen zu Wahlergebnissen der AfD, davor eingestreut schon einer mit Verweis auf die 2018 eskalierenden Ausschreitungen Rechtsextremer in Chemnitz. Abseits dieser expliziten Haltungsäußerungen steckt ›Herkunft‹ aber auch voll von impliziten. Zwischen den Zeilen steht so viel Botschaft, man könnte sie wahrscheinlich kaum vollständig auflisten.

›Herkunft‹ ist ein trauriges, schönes und wirklich gutes Buch, das man ruhig gelesen haben darf – insbesondere als Teil der Mehrheitsgesellschaft, der Migrationsschicksale eher oberflächlich und bestenfalls gleichgültig zur Kenntnis nimmt. Es erklärt viel, es kann den Blick ändern und wenn es das nicht braucht, bleibt doch noch eine sehr berührende Familiengeschichte. Ein würdiger Buchpreisträger in jedem Fall.
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Saša Stanišić
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