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Ulrich Alexander Boschwitz schildert in seinem Roman die planlose und überstürzte Flucht des jüdischen Kaufmanns Otto Silbermann. Er wird während der Novemberpogrome aus seiner Wohnung vertrieben und sieht sich gezwungen unterzutauchen.
Dabei sieht Silbermann gar nicht aus wie ein Jude - er ist blond und sieht auch ansonsten recht arisch aus. Und er ist ein erfolgreicher Kaufmann mit einer eigenen Firma.
Die Wirren der Naziherrschaft Ende der 30er Jahre wirft ihn komplett aus seinem bisherigen Leben. Der Betrieb wird zur Hälfte auf seinen Prokuristen und langjährigen Freund umgeschrieben, damit er erhalten bleiben kann. Aus einem lange angebahnten Geschäft sowie dem Verkauf seines Hauses erhält er einen höheren Geldbetrag, der ihm eine Flucht und den Neuanfang erleichtern sollen.
Da seine Frau Arierin ist reist sie zu ihrem Bruder und verbleibt dort vorerst. Silbermann ist also ganz auf sich alleine gestellt, denn schnell stellt er fest, dass seine Freunde und Geschäftspartner kein gesteigertes Interesse mehr daran haben, ihm zu helfen oder gar nur Kontakt zu ihm zu halten.
Seine Lage ist verzweifelt, denn da er auch keinerlei Fluchterfahrung oder Übung in illegalen Dingen hat, will sein Versuch, bei Aachen die Grenze nach Belgien zu überqueren nicht gelingen. Nicht einmal der Bruder seiner Frau will ihn aufnehmen für kurze Zeit, da dieser strammer Parteigenosse ist. Er sieht keine andere Lösung, als sich erst einmal per Zug quer durch Deutschland fahren zu lassen. Bis während einer Fahrt auch noch sein kostbares Geld gestohlen wird.

Mittels Erzähler begleitet der Leser den bedauernswerten Silbermann auf seiner Reise durch Deutschland. Dabei begegnet er den unterschiedlichsten Mitmenschen - verkappten Nazis, sympathischen Soldaten, unsympathischen Juden, hilfsbereiten Menschen und Menschen, die sich extrem gewandelt haben, seit sie begriffen haben, dass sie aus Not und Elend Silbermanns Kapital schlagen können.
Mit Gänsehaut las ich die Stellen, an denen Silbermann selbst zum Unmensch wurde und einen ebenfalls jüdischen Bekannten abwies und den Kontakt abrupt beendete - weil dieser zu jüdisch aussah und dieser nur auf ihn aufmerksam gemacht hätte. Wie grausam kann die Welt sein!

Der Schreibstil ist natürlich etwas altertümlich, denn das Buch wurde 1939 geschrieben und erst jetzt zum ersten Mal in Deutschland heraus gegeben - wofür dem Herausgeber Peter Graf Dank gebührt. Vorher bestand offenbar keinerlei Interesse bei deutschen Verlagen. Warum eigentlich?
Mir hat der Stil hervorragend gefallen! Obwohl Boschwitz erst 23 Jahre alt war, als er diesen Roman schrieb, ist das Buch eine absolut glaubwürdige, packende Geschichte in einem ganz wunderbaren Schreibstil.
Wer sich für unsere jüngere Geschichte interessiert: Lesen!
Der Reisende
Der Reisende
Ulrich Alexander Boschwitz
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