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Starr gehört nirgends richtig dazu. Nicht an der Privatschule, in der sie ‚das schwarze Mädchen‘ ist, nicht in ihrem Viertel, in dem kaum mehr jemand ihren Namen kennt. Dort ist sie nur die Tochter, die manchmal im Laden des Vaters aushilft, eine, die sich für etwas Besseres hält. In der Schule spricht sie anders und versucht zwanghaft, ihre Welten nicht aneinander prallen zu lassen. Doch dann wird vor ihren Augen ihr bester Freund Khalil erschossen. Unwillkürlich befindet sich Starr zwischen falschen Behauptungen, Anfeindungen und der Frage, was Gerechtigkeit eigentlich ist und was sie dafür zu riskieren bereit ist.

The Hate U Give fängt mit dem ganz großen Knall an. Allein das schmeißt den Leser direkt in Starr innere Zerrissenheit und ihre Fassungslosigkeit, dass Khalil tot ist. So kann auch das Kennenlernen dieser Figur nur knapp ausfallen. Die Krise erfasst sie, die Kluft zwischen Schulwelt und Lebenswelt wird immer größer. Aber auch Starrs Blickwinkel ändert sich. Die beginnt über Dinge, die ihr gegeben erschienen, nachzudenken. Über die Regeln der Straße, über Gangs und die Geschehnisse, die sie erst in ihre Situation gebracht haben. Starr reflektiert und indem sie das tut, wird sie erwachsener.
Neben dieser direkten Geschichte werden noch viele Nebenhandlungen erzählt, die Einfluss nehmen, aber vor allem den Blick in die Welt, die so vielen Menschen fremd ist, in der aber so viele Menschen täglich leben, geschärft. Frühe Schwangerschaften, Drogen, häusliche Gewalt, Gangs, Alltagsrassismus. Parallel zu Starrs Bewältigung des Mordes an Khalil diskutieren beispielsweise die Eltern, warum sie noch in diesem Viertel leben. Wäre es Verrat, umzuziehen? Verrat an ihren Freunden, ihrer Familie, ihrer Herkunft, ihrer „Leuten“. Die Verbundenheit innerhalb dieser Gruppe, die durch Gangs, Gewalt und Geld immer wieder zerrissen wird, ist faszinierend.
Interessant fand ich auch die Stelle, in der Starr mit ihrem Bruder, Freunden und ihre festen Freund, einem Weißen aus ihrer Schule, im Auto sitzen und sich darüber unterhalten, ob es auch Rassismus gegen Weiße gibt. Stereotype und Verhaltensmuster werden genannt und doch wird dabei nichts überheblich. Auch die Abwehrhaltung gegen Beziehungen zwischen Schwarzen und Weißen, die auf beiden Seiten gezeigt werden, werden als Angst enttarnt. Als Angst vor dem Unbekannten, aber auch als Angst keine Beziehung auf Augenhöhe zu erreichen.

So faszinierend, tiefgehend und bewegend die Handlung und das Eintauchen in diese Materie ist, muss ich zugeben, dass eine Distanz zu Starr blieb. Sie hat mir großartig gezeigt, wie es ist (im wahrsten Sinne des Wortes) in einer anderen Haut zu stecken. So sehr, dass ich so intensiv wie selten über die Idiotie nachgedacht zu haben, wegen Hautfarbe, aber auch Religion oder das Umfeld, in das ich hineingeboren wurde, so viel mehr Möglichkeiten habe, privilegiert bin. Die Distanz hat sich tatsächlich erst entwickelt.
Lange Zeit ist Starr sehr passiv. Sie ist geschockt und wird in unterschiedliche Richtungen gezerrt. Als ihr aber Rassismus begegnet, will sie ihn nicht wahrhaben. Sie ist lange sehr naiv und hofft, dass sie nichts tun muss, um die Welt zu ändern, dass sie nichts tun kann, um die Welt zu ändern. Das ist nur ein kleiner Vermerk, denn in meinen Augen schmälert das die grandiose Geschichte in keiner Weise. Im Gegenteil. Die kleine Distanz ermöglichte es mir, einen zusätzlichen Blickwinkel einzunehmen und das hat mir wiederum sehr gut gefallen.
Bücher mit Hype sind immer mit einem kritischen Blick zu genießen. The Hate U Give aber wird nicht einfach gehypt. Es ist wirklich so gut, so wichtig, so lesenswert. Für alle.
The Hate U Give
The Hate U Give
Angie Thomas
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2 Wows
Volker Oppmann
17 October, 2017 at 9:06
Danke Dir für diesen superben Über- bzw. Einblick :)
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