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»Es war die Nachtigall« von Katrin Bongard ist für mich persönlich ein All-Age-Roman, den ich begeistert begonnen und zwiegespalten beendet habe. Als ich kürzlich bei Instagram auf das Buch aufmerksam geworden bin, war ich sofort neugierig. Die Kurzbeschreibung klang für mich nach einer vielversprechenden Liebesgeschichte mit einer zeitgemäßen Botschaft. Ja, hier schlägt die Uhr in mehrerer Hinsicht kurz vor Zwölf, indes weite Strecken mit dem Fahrrad bewältigt werden. Passend dazu fühlte sich das Schreiben dieser Rezension an wie Radfahren im Sommer. Denn es ist schwer, nicht zu spoilern!

Darum geht es in »Es war die Nachtigall«: Die 16-jährige Tierschützerin und Umweltaktivistin Marie Nansen verguckt sich während eines Club-Konzertes der isländischen Band Ásgeir in Ludwig von Brockdorff, den Sohn einer bekannten Jägersfamilie. Beide fühlen sich von der ersten Begegnung an zueinander hingezogen und versuchen die Ansichten und Lebensweisen des jeweils anderen zu verstehen. Keine einfache Sache! Denn indes Marie und Ludwig offen aufeinander zugehen, haben im Familien- und Freundeskreis nicht alle Verständnis für die Liebe zwischen einer Veganerin und eines Jägers mit der Lizenz zum Töten. Das macht diese Verbindung nicht einfach, aber auch nicht unmöglich.

Was gefällt mir an »Es war die Nachtigall«? Ganz klar die Mischung aus moderner Liebesgeschichte und aktuellen Themen wie Massentierhaltung und Umweltschutz. Die wechselnden Ich-Perspektiven lassen einen rasch in die verschiedenen Alltagswelten der beiden Protagonisten eintauchen. Durch Ludwig erfährt man wissenswertes über die Natur und das Jagen im Wald. Alles Dinge, die man als Normalverbraucher nicht unbedingt weiß. Warum wird überhaupt gejagt? Und welche Rituale gibt es? Marie wiederum ist eine engagierte Jagdgegnerin mit Vorstrafe. Sie nimmt die Leser/innen mit auf eine illegale Tierschutzaktion (wer nach dieser Szene noch Appetit auf ein Ei hat?) und später zu Greenpeace-Treffen. Marie hinterfragt viel, kennt aber weitaus nicht alle Antworten und würde am liebsten die Schule abbrechen, um sinnvolles für Menschheit und Natur zu tun. Insgesamt wirkten die beiden nicht fehlerfrei, aber authentisch auf mich. Die Gegensätze zwischen Großstadtleben (Berlin/Postdam) sowie Jagd-/Waldleben unterstreichen indes die ungleichen Lebensstile.

Obwohl Marie und Ludwig anfangs unterschiedliche Ansichten vertreten, gehen sie offen aufeinander zu und verzetteln sich nicht unnötig in Missverständnissen und Verurteilungen. Klasse! Vorurteilen wird mit Neugier begegnet (das gilt allerdings nicht für einige der Nebenfiguren = Konfliktpotential). Direkte Fragen führen zu interessanten Pro-und-Contra-Argumenten. Obgleich die Vielzahl an aktuellen Themen durchaus den moralischen Zeigefinger der Autorin durchblicken lässt (meine Meinung!). Viele Probleme unserer Zeit, die zum Nachdenken anregen, werden kurz in Küchentischatmophäre angesprochen, dann aber nicht weiter vertieft. Zudem hat Katrin Bongard aus Ludwig einen sensiblen Hobby-Philosophen geformt, der eine Vorliebe für Island und die Romane von Karl Ove Knausgård hegt. So finden auch Gedanken über das Leben, die Liebe und das Sterben beiläufig Einzug in die Geschichte.

Der Schreibstil ist ebenfalls angenehm und flüssig zu lesen, da Katrin Bongard eher auf den Punkt schreibt und manches der Fantasie der Leser/innen überlässt. Ein Kuss ist hier eben ein Kuss und wird nicht in tausend Facetten umschrieben. Gleiches gilt für brenzlige Situationen, in denen an entscheidenden Stellen weggeblendet und zur nächsten Szene gesprungen wird. Das hat Vor- und Nachteile (ich verspürte eine teilweise Distanz zu den Charakteren). Mit circa 270 Seiten fällt »Es war die Nachtigall« auch recht kompakt aus und hat trotzdem eine starke Aussagekraft, die insbesondere am Ende nachdenklich stimmt und zum Diskutieren anregt. Ich persönlich bin dafür! Ich selbst habe nämlich ein Problem mit dem Ende.

Bereits auf der Zitatseite und im Prolog wird deutlich, dass diese Geschichte ein tragisches Ende finden wird. Trotz des eindeutigen Prologs hoffte ich sogar auf ein gutes Ende. Zu Zeiten von Fake News ist immerhin alles möglich!

Dann kam er. Der letzte Akt. Die Tragödie. Übersichtlich in der Seitenzahl. Konsequent durchgezogen. Und das stört mich! Obwohl ich doch vorab wusste, was da ungefähr auf mich zukommen wird. Die Frage ist ohnehin nicht Ob oder Wann, sondern Wie. Das nun plötzlich alles ganz schnell geht und innerhalb weniger Seiten zur (fiktiven) Realität wird, finde ich für einen Jugendroman, aufgrund der Altersempfehlung ab vierzehn Jahren, durchaus vertretbar und in Ordnung. Nun kommt MEIN ABER: Ich persönlich finde diese Shakespeare Neuinterpretation – transportiert in die heutige Zeit – schwierig.

Ist »Es war die Nachtigall« deshalb ein schlechtes Buch für mich? Nein! Denn wie es im Roman ebenso aufgezeigt wird: Man kann über alles reden und darf anderer Meinung sein. Mir macht die romantisierte Botschaft am Ende, besonders in einem zeitgemäßen Roman für jugendliche Leser/innen, dennoch zu schaffen. Gerade bei dem hier gewählten Motiv im Schlussakt hätte ich mir eine etwas tiefgründigere Auseinandersetzung gewünscht, weil es letztlich alles andere überschattet und im Prolog zudem angedeutet wird, dass über dieses sensible Thema niemand sprechen will. Die hier gewählte Holzhammer-Methode finde ich persönlich da ebenso wenig hilfreich oder gar romantisch.

Wem würde ich »Es war die Nachtigall« empfehlen?

Lesern und Leserinnen, die tragische Liebesgeschichten vertragen können und offen sind für aktuelle Themen wie Klimawandel und Tierschutz. Bei sehr jungen Leser/innen empfiehlt sich ein Austausch. Deshalb eignet sich das Buch sicherlich für Lesungen und Diskussionsrunden in Schulen (auch und insbesondere wegen dem Ende).
Es war die Nachtigall
Es war die Nachtigall
Katrin Bongard
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