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„In meiner Kindheit war ich als der Junge bekannt, dessen Mutter mit einem Engländer durchgebrannt war“ So beginnt die Geschichte, die Myshkin hier erzählt. Doch hinter diesem Satz steckt so viel mehr. Gayatri, Myshkins Mutter, war eine begabte Künstlerin, sie war ein Freigeist, strebte nach Höherem, nach Bildung und v.a. nach Freiheit. Ihr Vater unterstützte sie dabei doch nach dessen Tod sollte sie schnell verheiratet werden. Da trat Myshkins Vater in Aktion, der fasziniert war von diesem rebellischen Mädchen. Doch die Ehe verlief nicht sonderlich gut, Nek gab seiner Frau zu Hause die 'Freiheiten' die sie wollte, doch nach außen zählte nur Respekt und Ansehen seiner selbst, die Frau sollte sich da möglichst unterordnen und brav hinter ihm stehen. Doch Gayatri fühlt sich immer stärker eingeengt durch das Muttersein, die Ehe und die Konventionen.

Anuradha Roy hat einen sehr ruhigen aber dennoch poetischen und sprachgewandten Schreibstil. Durch Myshkin erfährt der Leser in Rückblenden vom Leben Gayatris. Sein ganzes Leben dachte er, seine Mutter hat ihn verlassen, weil sie ihn nicht liebte. Erst viele Jahre später erfährt er die ganze Geschichte. Nek gibt sich zwar im Kreise der Familie offen und meint seiner Frau viele Freiheiten indem er sie malen lässt und ihr andere Dinge erlaubt. Doch eigentlich zählt für ihn nur sein Ansehen und er wird religiös und schließt sich einer Gruppe an, die ein gelehrtes und abstinentes Leben führen. Nek möchte auch seine Familie zu diesem Lebensstil bewegen, doch als ihm dies nicht gelingt wird er zunehmends strenger und Frau und Kind sollen das machen was er sagt und obwohl er sich weltoffen gibt, will er vor anderen als guter Inder. Je älter er wird, desto religiöser und verbohrter wird er, er wird Schriftsteller, sucht sich eine neue Frau, die er jedoch noch schlechter behandelt. Im Laufe des Buches wurde er mir immer unsympathischer und seine Familie tat mir wirklich leid. Ein Mann, der sich so weltoffen gibt in Wirklichkeit aber für Traditionen lebt und für den nur er selbst und seine Ansichten wichtig sind, war nur schwer zu ertragen. Da wundert es nicht, dass Gayatri ihre beste Chance nutzte um aus dieser Ehe zu entkommen. Und obwohl Gayatri froh war, ihrem alten Leben zu entkommen, sehnte sie sich doch zurück nach ihren Freunden und v.a. nach ihrem Sohn. Zunächst dachte ich, was für eine schlechte Mutter, doch nach und nach erfährt man mehr über sie als Frau und mein Bild von ihr hat sich zum Schluss komplett geändert. Auch in der Fremde war nicht alles perfekt, der Krieg hatte immer größere Auswirkungen auf Bali und ihre Gefährten. Diese Geschichte zeigt, dass nicht alles schwarz-weiß ist, sondern viel mehr in verschiedenen Graustufen schattiert. Gayatris Schicksal wird sehr eindringlich geschildert und was sie erlebt, hat mich beeindruckt und berührt. Sie und ihre Gefährten versuchen einen Weg zu finden, ihre eigene Identität auszuleben ohne sich verstecken zu müssen. Alle wurden durch ihre Heimat durch irgendetwas eingeengt, sei es die Ehe, die Kultur, ihre Sexualität oder politische Ansichten.

Roy vermischt hier reale Figuren mit einer teilweise fiktiven Geschichte, was ich sehr gelungen fand. Manchmal kann das nach hinten losgehen aber ich finde hier hat alles gut zusammen gepasst. Ich habe viel über Menschen erfahren, die ich vorher nicht kannte, die aber sehr interessant waren.

Obwohl alles aus der Sicht von Myshkin erzählt wurde, erfährt man über ihn selbst erstaunlich wenig. Das ist zwar etwas schade, dennoch hat mir "Der Garten meiner Mutter" sehr gut gefallen. Sowohl der sehr einnehmende Schreibstil als auch die Handlung haben mich zu 100% überzeugt. Roy erzählt hier eine Geschichte, die vielleicht nicht einzigartig ist aber die in ihrer Vielfältigkeit trotzdem hervor sticht. Die Gefühle und Gedanken Gayatris werden auf eine sehr ergreifende Weise geschildert und ich konnte mir sehr gut vorstellen, wie sie sich fühlt, wie es für sie sein musste, getrennt von ihrem Sohn zu leben aber dafür frei zu sein zu tun, was sie will, sich endlich sich selbst zu widmen. "Der Garten meiner Mutter" ist ein Buch dem ich viele Leser wünsche!
Der Garten meiner Mutter
Der Garten meiner Mutter
Anuradha Roy
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