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Deutschland in einer nicht allzu fernen Zukunft. Der Klimawandel und Pandemien haben zugeschlagen, weite Teile des Landes sind unbewohnt oder unbewohnbar. Die Bevölkerung hat es in die Megacitys gezogen, der ländliche Raum ist weitgehend entvölkert. Frankfurt am Main, das sich mittlerweile über weite Teile des Rhein-Main-Gebietes erstreckt, ist die neue Bundeshauptstadt. Es regieren insbesondere Fake News und Algorithmen.
Liina ist Investigativjournalistin bei einer der letzten nicht-staatlichen Nachrichtenagenturen. Während ihr Chef Yassin sie zu einer vermeintlich unspektakulären Geschichte in die Uckermark schickt, obwohl er sie für eine große Sache einplante, erleidet er einen mysteriösen Unfall und liegt nun im Koma. Zeitgleich stirbt eine Kollegin. Als Liina, Özlem und Ethan Nachforschungen beginnen, geraten auch ihre Leben zunehmend in Gefahr. Immer tiefer tauchen sie in einen Abgrund ein, in dem außer Kontrolle geratene Algorithmen das Leben der Bevölkerung bedrohen.

›Paradise City‹ ist der aktuelle Thriller von Zoë Beck. Das Buch erschien im Juni 2020 bei Suhrkamp und umfasst 281 Seiten, die sich in 20 Kapitel gliedern. Für mein Rezensionsexemplar darf ich mich beim Verlag und Vorablesen bedanken.

Zoë Beck zeichnet in ›Paradise City‹ erneut eine düstere Weiterentwicklung der aktuellen Zustände. Der Kampf gegen den Klimawandel ist verloren, die Verselbstständlichung der Algorithmen – im Falle der Geschichte vor allem der des Gesundheitssystems – ist über einen Punkt hinaus geraten, der ursprünglich nicht für möglich gehalten wurde. Vom freiheitlich-demokratischen System ist nicht allzu viel übrig, ebenso von der freien Presse. In den Ballungszentren, die sich auf Megametropolen beschränken, lebt es sich technisch angenehm, wenn man sich mit den Zuständen abfindet. Tut man das nicht, sondert einen das System aus. Das sind die sog. Parallelen, die in entvölkerten Gegenden unter primitivsten Umständen leben – Kranke, psychisch Beeinträchtigte, Behinderte und allgemein Menschen, die mit dem System nicht klar kommen. In ihrer Kindheit hat Liina diese Menschen kennengelernt, mittlerweile sind sie von der Bildfläche verschwunden.

Man könnte nun skeptisch die Augenbraue heben, ob der verhältnismäßig geringen Seitenzahl von ›Paradise City‹. Vergleichbare Techthriller – vorwiegend solche männlicher Autoren – kommen da meist mit einem deutlich größeren Umfang daher, was nicht selten daran liegt, dass die technischen Details fast so viel Platz wie die Geschichte selber einnehmen. Zoë Beck verzichtet weitgehend auf diesen Aspekt. Das schadet dem Buch aber kein bisschen, denn sie geht mit der Technik gerade so weit, dass sie heute schon problemlos vorstellbar ist. Das algorithmisierte Gesundheitssystem wird bereits diskutiert (man denke beispielsweise an den Fitnessband-Vorstoß hierzulande, die USA waren da schon weiter), Sensorimplantate sind ebenfalls schon bekannt und der Schritt zur KI ist längst mehr als eine abgefahrene Idee von ein paar Nerds, die nur in ihren düsteren Garagen oder bestenfalls Nerdforen stattfindet. Über die Folgen, die insbesondere mit KIen einher gehen, gibt es seit Jahren Diskussionen mit Blick auf das autonome Fahren. Mit dieser auf die technischen Details verzichtenden Herangehensweise rückt die Geschichte selber mehr in den Vordergrund und damit hat Beck mich, obwohl ich eigentlich ausgesprochener Liebhaber technisch komplexer Techthriller bin.

Überhaupt geht Zoë Beck in ›Paradise City‹ recht interessant mit dem ihr zur Verfügung stehenden Platz um. Die Geschichte wird relativ schnell klarer, die ›Bösen‹ stehen bald fest und ab dem Zeitpunkt strebt die Handlung auf das Finale zu. Als sich wirklich sehr kurz vor Schluss abzeichnet, dass die Auflösung doch nicht so einfach ist, saß ich mit dem kümmerlichen Stoß Restseiten da und dachte mir, wie will sie das auf dem bisschen Raum jetzt noch ungehetzt zu Ende bringen? Kleiner Spoiler: Es gelingt ihr und es bleibt auch nicht das Gefühl, da würde noch was fehlen. Das hat mich am Ende dann doch noch etwas überrascht, weil ihr da wirklich nur noch sehr wenig Platz blieb.

Zum Schluss darf noch ein Wort zum Cover fallen, das wieder sehr gelungen ist. Besonders macht es seine Haptik, denn die Schriftelemente sind, als Kontrast zum bildlichen Hochglanzteil, aufgeraut.

›Paradise City‹ reiht sich ein in Zoë Becks Werk der vergangenen Jahre. Weniger Gegenwarts-, mehr Zukunftsthriller und immer auf eine recht einfach zugängliche Weise mahnend. Nicht technologiefeindlich, aber in gesundem Maße technologiekritisch, wo man schon heute kritisch sein sollte, weil die Weichen bereits gestellt werden. Daneben erzählt sie aber auch wieder eine spannende Geschichte mit sympathischen Figuren. Für Freunde des Genres immer ein Leckerbissen, aber auch als Einstieg sehr geeignet.
Paradise City
Paradise City
Zoë Beck
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