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Gehören Sie auch zu den Menschen, die noch nie Fremden gegenüber ihren Stammbaum offenlegen mussten? Oder von ihnen ungefragt in die Haare gefasst bekamen? Oder oder oder. Finden auch Sie das extrem verstörend bis absurd, halten es deshalb gar für ein Märchen?
Dann geht es Ihnen wie einst mir und wir müssen dringend unseren Horizont erweitern. Denn all das ist Realität in diesem Lande. Nicht für uns weiße, aber für Schwarze Menschen.

›Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten‹ ist Alice Hasters’ erstes Buch. Es erschien 2019 bei hanserblau, einem Imprint des Carl Hanser Verlags und umfasst 211 Textseiten, die sich in fünf Kapitel mit Unterkapiteln gliedern.

Ein paar vorbereitende Worte. Das hier wird keine für mich typische Rezension. Es wird wahrscheinlich mehr Raum auf mich, als auf Kritik am Buch fallen. Das hat primär zwei miteinander zusammenhängende Gründe: Erstens bin ich nicht der Meinung, dass es mir zusteht, das Werk inhaltlich zu kritisieren. Ich bin ein Weißbrot, mir fehlt der Erfahrungshorizont und es steht mir nicht zu, den Erfahrungshorizont von Betroffenen zu hinterfragen oder gar zu werten. Und zweitens halte ich es für eine sinnvolle Herangehensweise, das Buch insbesondere mit Selbsterkenntnissen, die ich ihm verdanke, vorzustellen. Denn es braucht leider ein gewisses Maß an Offenheit und Kritikfähigkeit, um sich dem Thema zu nähern. Der (weiße) öffentliche Diskurs – falls man das in vielen Fällen überhaupt Diskurs nennen kann – hilft nämlich kein bisschen dabei, sich auf die Reflexion der eigenen, ganz persönlichen Rolle gerade im systemischen Rassismus einzulassen. Soll heißen, das Buch schmerzt; aber da müssen wir dringend durch, meine blassen Mitmenschen.

Ich bin ein Kind der 80er und 90er, dörflich aufgewachsen und geprägt. In der Schule haben wir ausführlich Drittes Reich und Holocaust behandelt. Wir sind die Generation, die der Großelterngeneration die Kollektivschuld genommen haben soll und zur Individualschuld schwenkte. Dafür hat man uns nach Gusto gefeiert und verflucht. In den 90ern hatten wir Rostock-Lichtenhagen, Solingen und Mölln – große Schweigemärsche im Klassen- und Schulverband. Überhaupt, unsere Klassen im Gymnasium waren moderat durchmischt, die Herkunft spielte keine Rolle. Wir sind mit einem Bewusstsein aufgewachsen, als Deutsche eine besondere Verantwortung für die Zukunft zu tragen. Rassismus meinten wir zu erkennen, selber rassistisch konnten wir kaum sein, wir hatten ja aus der Vergangenheit gelernt.

Wenn man ›Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten‹ aufschlägt, sollte man sich von diesem Selbstbild schon mal verabschieden. Anhand zahlreicher Alltagsbeispiele wird Alice Hasters es zerlegen. Ihr zentraler Punkt: Es besteht ein Unterschied zwischen Rassismus und rassistischem Verhalten und den sollten wir endlich begreifen und annehmen, weil sich sonst nie etwas verändern wird. Rassismus ist systemisch und absichtsvoll, rassistisches Verhalten zeigt jede*r, meist unbewusst und ungewollt, aber das ändert nichts an der Tatsache. Rassistisches Verhalten ist oftmals der sog. Alltagsrassismus. Es fällt uns (weißen) nicht auf, weil es internalisiert ist, weil wir gewisse historische Hintergründe schlicht nicht lernen. Wer hatte in der Schule Kontakt mit der deutschen Kolonialgeschichte, abgesehen davon dass sie sehr kurz war und alleine deshalb schon viel weniger relevant sein kann, als die der ›großen‹ Kolonialreiche (wir waren übrigens das drittgrößte)? Wer lernte in der Schule etwas darüber, dass wir Deutschen nicht nur den grausamsten (hier zu ranken fühlt sich wirklich falsch an) Völkermord des 20. Jahrhunderts verbrochen haben, sondern dazu auch noch einen zweiten, der der erste des noch jungen Jahrhunderts war (der an den Herero und Nama)? Oder unsere großen Philosophen, Kant, Hegel, Marx und wie sie alle hießen. Nicht einmal als ich an der Uni Soziologie lernte und wir bei Kant vorbei kamen, wurde sein güldener Schein der aufklärerischen Lichtgestalt angekratzt. Dabei läge nichts näher. Denn Kant verdanken wir nicht nur den Kategorischen Imperativ, auch die sog. Rassenlehre hat er maßgeblich mitgeprägt. Das lässt den Kategorischen Imperativ, wie wir ihn heute verstehen, doch ein wenig anders aussehen. Es macht ihn nicht schlechter, denn wir verstehen ihn heute ja als universal, aber man sollte sich klar machen, dass Kant ihn wohl vor allem zum Wohle der Weißen verstanden hat.

Und so gibt es eine gewaltige Zahl historischer Lücken in unserem Allgemeinwissen, die bis heute dazu führen, dass wir uns unbewusst rassistisch verhalten und unsere Mitmenschen verletzen. Alice Hasters führt uns durch ihre Lebensgeschichte anhand von Ereignissen, die sie geprägt haben, und deckt mit viel Geduld blinde Flecken auf. Sie gliedert das Buch in die Kapitel Alltag, Schule, Körper, Liebe und Familie. Innerhalb dieser Kapitel stellt sie in Unterkapiteln jeweils ein rassistisches Erlebnis aus ihrer Vergangenheit vor, erläutert dann Hintergründe und ordnet sie ein, und schließt die Situation ab. So erreicht sie, dass die Materie für ein Sachbuch nie wirklich trocken wird. In viele Situationen kann man sich mit wenig Anstrengung hineinversetzen, so gut gelingt ihr die Verknüpfung von Situation und Hintergründen. Eine Fülle von Oha-Momenten ist das Ergebnis, nicht selten drastischen. Ich bin beispielsweise beeindruckt, dass ich nie drauf kam, Clint Eastwoods gefeiertes Werk ›Gran Torino‹ könnte ein ziemlich rassistisches sein. Der Film wird genau für das Gegenteil gefeiert. Dabei ist es, wenn man mal den Blickwinkel ändert, so offensichtlich. Der Rassist mit dem Herz am rechten Fleck, der im Hmong-dominierten Vorortviertel lebt. Alle leiden unter der Gang, die natürlich auch aus Hmong besteht. Der Rassist lernt die Kultur seiner Nachbarschaft eher unfreiwillig kennen, beginnt freundschaftliche Bindungen zu einigen und rettet am Ende, als sich die Hmong nicht mehr alleine vor der Gang retten können, unter Einsatz seines Lebens die neugewonnenen Freunde. Message: PoC machen Probleme und es braucht den heroischen Weißen, der sie rettet. Ein Plot, der sich durch die gesamte westliche Filmindustrie zieht – wahrscheinlich ist er deshalb so internalisiert, dass man den Rassismus übersieht. Und ein Plot, der sich durch die gesamte weiße Kolonialgeschichte und ihre Auswirkungen bis heute zieht. Zufälle gibt’s …

›Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten‹ ist, obwohl im Sachbuchsegment verortet, ein ausgesprochen persönliches Buch und darin liegt für mich auch der Hauptgrund, es so wärmstens als Einstieg in die Auseinandersetzung mit dem eigenen Rassismus zu empfehlen. Denn, wie schon gesagt, diese Auseinandersetzung tut weh und was weh tut aktiviert Abwehrreflexe. Durch die persönliche Ebene braucht es aber einerseits nicht allzu viel Empathie, um die Verletzungen, die man PoC ganz alltäglich direkt oder indirekt ungewollt zufügt, als eben das, was sie sind, zu erkennen. Und andererseits fällt es wirklich schwer, die Abwehrreflexe hoch zu fahren und Hasters böse dafür zu sein, dass sie sie uns vor die Nase hält. Es gibt andere Sachbücher, die in der Sache tiefer gehen, sich dafür aber auch distanzierter lesen lassen. Es gibt Belletristik, die das Thema behandelt, bei der man sich aber leicht auf eine sichere Position zurückziehen kann, weil die Geschichte ja fiktional ist. Gerade für den Einstieg ist es aber durchaus sinnvoll, sich so wenig Wege wie möglich zu erhalten, sich aus der Affäre zu ziehen und genau das macht Alice Hasters außerordentlich gut.

Also, lest dieses Buch! Am Besten mehrmals. Es macht zwar wenig Spaß, sich mit dem eigenen Rassismus zu beschäftigen, aber es muss getan werden und es ist die einzige Möglichkeit, Rassismus irgendwann mal dahin zu packen, wo er hingehört. Auf den Müllhaufen der Geschichte.
Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen
Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen
Alice Hasters
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