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Von Robert Seethalers „Der Trafikant“ wusste ich nicht viel, nur dass der Roman in Österreich spielt (geht bei dem Titel ja gar nicht anders) und dass Sigmund Freud vorkommt. Aber dieser kurze Abriss trifft es nicht wirklich, weshalb mich der Roman gleichermaßen enttäuscht (zu wenig Freud!) und bereichert (aber dafür viele andere Sachen) zurückgelassen hat.

Es geht um Franz, der, am Attersee aufgewachsen, gerade an der Schwelle zum Erwachsenwerden steht. Seine Mutter hat die Kleinfamilie mit den finanziellen Mitteln ihres Liebhabers über Wasser gehalten, der nun aber das Zeitliche gesegnet hat. Es muss also ein Plan her, wie zukünftig Geld in die Kasse kommen soll. Und so schickt die werte Mama ihren Franzl, der in seinem bisherigen Leben noch keinen Finger krumm gemacht hat, in die große Stadt Wien in die Lehre beim Trafik-Besitzer Otto. Man kann gewiss sein – es folgt ein Kulturschock.

Im Verlauf der Handlung wird Franz so viel lesen wie in seinem ganzen bisherigen Leben nicht, er wird sich zum ersten Mal (und auch unglücklich) verlieben, er wird den berühmten Doktor Freud kennenlernen und er wird mitten hineingeraten in die politischen Wirren des mit Riesenschritten herannahenden Dritten Reichs. Irgendwie ist der „Der Trafikant“ also ein Coming-of-Age Roman, auch wenn man am Ende nicht so recht den Eindruck hat, dass Franz an den vergangenen Ereignissen gewachsen ist.

Denn ich muss auch gestehen, dass mir dieser Franz immer etwas fremd geblieben ist. Er tritt der Welt mit einer Art staunender Gleichgültigkeit gegenüber, die mir nicht ganz schlüssig war. Zwar ist die Weltstadt Wien natürlich ein ganz anderes Kaliber als sein beschauliches Kuhkaff am Attersee, und so ein bisschen taucht er ja auch ein ins Großstadtflair (wobei er es nicht weiter als bis zum Prater schafft), aber ansonsten herrscht ahnungslose Naivität vor. Wenn Judenhasser die Trafik mit Schweineblut beschmieren und die Fenster zertrümmern, räumt er stoisch auf. Wenn die Gestapo Otto mitnimmt, übernimmt er einfach das Ruder und führt die Trafik weiter, als wäre es das Natürlichste der Welt. Nie taucht Seethaler in die Gedankenwelt seines Protagonisten ein und so erscheint er trotz seiner Taten oft eindimensional und einfältig. Franz hat einen untrüglichen moralischen Kompass, nach dem er handelt. Er ist ein guter Mensch mit dem Herzen am rechten Fleck, der nie auch nur in Erwägung zieht, seine Bekanntschaft mit Freud zu beenden, weil das alle seine Probleme mit der Gestapo beenden würde. Und trotzdem bleibt der schale Beigeschmack, dass er nur so vermeintlich heroisch handelt, weil er nicht in der Lage ist, die Konsequenzen seines Tuns abzusehen. Er zieht sein Ding durch, bis zum bitteren Ende. Aber ein wirklicher Held wird er dadurch nicht.

Wer mir im Verlauf der Handlung allerdings zunehmend sympatischer wurde, war seine Mutter. Anfangs als eine Frau gezeichnet, die sich durchs Leben laviert, indem sie sich an reiche Männer hängt, lernt man sie später mehr und mehr als scharfzüngige und weitsichtige Beobachterin mit bissigem Humor kennen – das alles transportiert Seethaler nur durch die Karten und Briefe, die sie ihrem Sohn nach Wien schreibt. Franz’ Mutter ist im Roman nie mehr als eine Skizze, aber eine, die man gern als Gemälde sehen würde.

„Der Trafikant“ hat mich am Ende etwas ratlos zurückgelassen. Mit dem Protagonisten bin ich nicht so recht warm geworden und die Handlung hat sich so gar nicht in die erwartete Richtung entwickelt. Und doch habe ich dem von Robert Seethaler selbst eingesprochenen Hörbuch sehr gern gelauscht. Der Autor erzählt seine Geschichte mit solch einer onkelhaften Gemütsruhe, dass ich ihm ewig hätte zuhören können.
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Der Trafikant
Der Trafikant
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