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Flashback

Tom ist der erfolgreiche Anchorman einer Nachrichtensendung, ein berühmter ehemaliger Kriegsberichterstatter in den besten Jahren. Er ist kein Sympathieträger, unverheiratet mit vielen kurzen Affären, aber klug, gewissenhaft und stets am Puls der Zeit. Und obwohl er nur wenige Kilometer von seiner Mutter Greta entfernt wohnt, besucht er sie kaum. Als er 2015 von dem Flüchtlingsdrama in Heidenau berichtet, löst das bei ihr von allen unbemerkt einen Flashback aus.
Greta ist 94 und wird langsam „tüddelig“. „Das Gedächtnis verrutscht im Alter.“ (S. 33) meint sie, aber bei ihr verrutscht es immer mehr. Sie verteilt überall Post-its, erkennt ihre Bekannten nicht mehr und hält sich oft für viel jünger. Als sie eines Tages hilflos und verwirrt auf der Autobahn aufgegriffen wird, muss Tom einsehen, dass es nicht nur das Alter ist, sondern Alzheimer-Demenz. Um ihr helfen zu können, wollen die Ärzte mehr über Gretas Vergangenheit wissen, doch sie schweigt, wie schon die ganzen Jahre. Also durchsucht Tom ihre Unterlagen und stößt dabei auf Bob …

„Stay away from Gretchen“ bedeutet „Halte dich von den deutschen Fräuleins“ fern und war auf die erste Seite des Amerikanisch-Deutschen Wörterbuches gedruckt, das den GI‘s nach dem 2. WK in Deutschland ausgehändigt wurde. Und so heißt auch der Roman von Susanne Abel, der die Lebens- und Liebesgeschichte einer jungen Ostpreußin und eines schwarzen GI´s erzählt.
Sie beschreibt sehr drastisch und oft erschreckend Gretas Kindheit und Jugend unter überzeugten Nazis, einen Vater, der sich schon 1939 freiwillig für die Front meldet und bald vermisst, aber nie vergessen oder aufgegeben wird, die Flucht vor den Russen, die Hungerwinter, das Auffanglager Friedland, die Nachkriegszeit in Heidelberg und die Ausgrenzung als Flüchtlinge aus dem Osten.
Besonders berührend ist dabei die Beziehung zwischen Greta und Bob, einem schwarzen GI. Auch er wird ausgegrenzt – von den Deutschen und seinen weißen Kameraden. Trotzdem lebt er hier freier als zu Hause, wo es eine strenge Rassentrennung gibt. Und obwohl Beziehungen zu deutschen „Frolleins“ verboten sind, verlieben sich Greta und Bob. „Es ist mir egal, ob du schwarz, weiß oder grün bist. Ich mag dich, weil du du bist.“ (S. 236)
Gleichzeitig wird beschrieben, wie Greta immer mehr zurück in die Vergangenheit rutscht, wie die alte Dame um ihre Selbständigkeit kämpft „Du hast nicht über mich zu bestimmen.“ (S. 36), obwohl sie sich immer mehr verliert „Ich bin hier, ohne da zu sein.“ (S. 284)

Gretas Geschichte ist nichts für schwache Nerven, sie geht ans Herz und bricht es einem fast. Und auch wenn mir Tom lange etwas unsympathisch war, habe ich ihn am Ende doch sehr gut verstanden. Greta hat ihre Verluste und Traumata nie verarbeitet und an Tom weitergegeben. Er fühlt sich nicht geliebt und gut genug für seine taffe Mutter, kann darum keine festen Bindungen eingehen und wirkt oft arrogant und abweisend. „Stets dachte er, es sei seine Schuld, wenn seine Mam wieder tagelang im abgedunkelten Schlafzimmer verschwand. Ihre Stimmungsschwankungen bestimmten sein Leben. Über Jahre fühlte er sich verunsichert und hilflos, weil sie in diesen Phasen nicht auf ihn reagierte.“ (S. 274)

Ich habe mich mit dieser Rezension sehr schwergetan und weiß nicht, ob sie dem Buch wirklich gerecht wird. Ich habe es geradezu verschlungen, es hat mich aufgewühlt und beeindruckt. Susanne Abel zeigt anhand der Flüchtlingskrise von 2015, wie sich die Geschichte wiederholt und wir trotzdem immer wieder vergessen oder verdrängen.
Stay away from Gretchen
Stay away from Gretchen
Susanne Abel
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