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Jeder Moment birgt ein Später in sich

Ich sehe tote Menschen. Diesen gehauchten Satz kennt wohl jeder in den Achtzigern Geborene und der Ende der Neunziger einen Debütfilm namens The Sixth Sense im Kino mit offenen Kinnladen verfolgte. Genau diese Grundessenz aus dem Film webt Stephen King in seinem neuesten Roman Später ein. Hier ist es der Junge Jamie Conklin, der die Fähigkeit besitzt, tote Menschen zu sehen und sogar mit diesen zu kommunizieren. Doch Stephen King wäre nicht der King, wenn er aus dem bekannten Stoff etwas ganz eigenes macht. Doch ist ihm das gelungen? Kann sein neuester Roman überzeugen? Dem möchte ich in den nächsten Zeilen auf den Grund gehen. Aber Vorsicht: Diese Besprechung ist mit Spoilern versehen, da essentielle Geheimnisse des Buches verraten werden! Wer sich meine Meinung zu dem Buch durchlesen möchte, der sollte den letzten Abschnitt lesen, um zu schauen, ob das Buch gut geworden ist.

Ein Skript wird von den Toten gerettet. Und dann?

Jamie Conklin lebt mit seiner Mutter Tia ein relativ unaufgeregtes Leben mitten in New York. Tia ist Literaturagentin und hat ein recht gutes Einkommen, so dass sie sich sogar ein Apartment in der Nähe zum Central Park leisten können. Doch dieses Glück hält nicht lange, denn durch  Spekulationen von Tias Bruder, die sie aufgrund der Alzheimerkrankheit von ihm selber fortführt, verliert die Familie Conklin ziemlich viel Geld und sie müssen sich neu orientieren. Zum Glück hat Tia noch einen besonderen Autor in ihrer Agentur, dessen Bücher sich wie geschnitten Brot verkaufen. Doch als ob Jamie und seine Mutter eine Pechsträhne verfolgt, stirbt dieser unerwartet. Unter dieser speziellen Situation will sich Tia Jamies Gabe zunutze machen und die Geschichte von den Toten zurück in die Welt der Lebenden holen, da der Autor an dem letzten Buch einer sehr erfolgreichen Reihe stand, jedoch keine Notizen oder ähnliches vorweisen konnte. Und so geschieht es, dass Tia ihre Freundin Liz Dutton in den unheimlichen Wesenszug von Jamie einweiht. Liz arbeitet bei der Polizei und so können sie mit einigem Vorsprung vor den Behörden bei dem Autor eintreffen und Jamie kann mit dem „Geist“ von ihm kommunizieren und die Geschichte in die Welt der Lebenden transkribieren, da die Toten Jamie immer die Wahrheit erzählen müssen, sobald er ihnen eine Frage stellt. Doch diese Tat löst Geschehnisse aus, die weit über die Vorstellung dessen hinaus gehen, was sich Jamie und seine Mutter überhaupt vorstellen konnten. Und Liz spielt dabei eine ganz besondere Rolle. Wie sagt Jamie zu Beginn seiner Lebensgeschichte? Das ist eine Horrorgeschichte.


Ein Roman im sehr guten Mittelfeld im Schaffen Stephen Kings

Es soll nicht abgehoben klingen, aber als Constant Reader hat man so gewisse Erwartungshaltungen an ein Buch von Stephen King aufgebaut (wie ich gerade bei dem Buch „Der Talisman“ merke, das ich im Zuge meines chronologischen Lesemarathons aktuell lese). So auch bei diesem Buch und sie wurden erfüllt, aber nicht übertroffen. Das soll jetzt nicht so schlecht klingen, wie es bei manchen ankommen mag. Es ist mehr als eine solide Geschichte, es ist ein waschechter Stephen King, mit Horrorelementen, die immer wieder eingestreut werden, jedoch nicht die Quintessenz des Romans ausmachen. Denn im Eigentlichen steht der Junge Jamie im Mittelpunkt, der mit seinen 22 Jahren auf eine wilde Achterbahnfahrt zurückblickt, die sein Leben zwischen dem sechsten Lebensjahr und der Pubertät bestimmte. Das Buch ist in dem typischen Stil verfasst, den Stephen King-Bücher ausmachen. Er schreibt so, als würde man mit ihm ein Bier in der Kneipe um die Ecke trinken gehen und er erzählt diese irre Geschichte, die er da aufgeschnappt hat. Dazu trifft er noch genau den Ton des jungen Mannes, der auf seine Kindheit und Jugend zurückblickt und dabei Dinge erlebt hat, die andere ins Irrenhaus geschickt hätten.
Bei seinen Kontakten mit den gestorbenen Menschen geht es zumeist sehr friedlich und geordnet zu. Die meisten erkennt er noch nicht einmal, da sie ganz normal gestorben sind und er es nur manchmal merkt, wenn bestimmte Leute mit komischen Klamotten auf der Straße stehen, denn er sieht sie immer in den Sachen, in denen diese Menschen gestorben sind. Doch manchmal sind auch richtig grässliche Szenen dabei und das beschreibt King in seiner typischen Art und es wirkt jedes Mal sehr plastisch und man kann sich in immer wieder in Jamie hinein versetzen und warum er über diese ganzen Bilder nicht irre wird. Vielmehr ist es eine Frage der Gewöhnung und das lässt diesen Jungen ganz schön abgebrüht werden.
Zu Beginn des Buches schwebt wie selbstverständlich immer der Film The Sixth Sense mit, denn dieser dient als eindeutige Inspirationsquelle und auch eine entsprechende Szene zu Beginn des Buches wirkt wie eine 1:1 Kopie aus diesem grandiosen Film. Man hat schon die Befürchtung, dass King uns hier nur lauwarm aufgewärmtes serviert. Doch weit gefehlt. Er macht aus dieser bekannten Grundsituation etwas ganz anderes und noch viel mehr. Und er kokettiert auch mit seiner Inspirationsquelle, indem er sie mehrfach benennt und zu einem frühen Zeitpunkt des Buches mit einem Augenzwinkern vergessen lässt.

Spoiler: Eine Referenz, die Fans in Staunen versetzt

Und hier muss ich einen Spoiler setzen. Noch habt ihr die Chance, diesen Absatz zu überspringen! In diesem eigentlich unscheinbaren Roman, bei dem es darum geht, dass ein Junge tote Menschen sieht und mit ihnen kommunizieren kann, baut Stephen King eine Referenz ein, die auf einen seiner größten Romane verweist: ES! Und diese Referenz wird sogar essentiell, denn sie bestimmt Jamies Leben von nun an komplett. Zirka in der Mitte des Buches kommt die schon erwähnte Polizistin Liz Dutton ins Spiel und benutzt Jamie für ihre Zwecke. Da es bei ihr mit der Polizeiarbeit nicht so rund läuft, unter anderem schmuggelt sie unter der Hand Drogen, braucht sie einen Fall der sie bei ihren Chefs wieder in die Spur bringt. Dieser scheint mit einem Bombenleger gegeben, der sich umgebracht hat und eine letzte Nachricht hinterlassen hat, dass die größte Bombe, die er je gebaut hat, darauf wartet zu explodieren. Liz benutzt den Zwölfjährigen Jamie, um die Information aus dem toten Terroristen zu bekommen. Dies schafft Jamie zwar, hat aber fortan diesen toten Geist an seiner Seite kleben, was ungewöhnlich ist, da diese toten Wesen normalerweise nach einer Woche verschwinden. Und an dieser Stelle kommt die Referenz ins Spiel, denn Jamie bekommt den Hinweis von einem Bekannten, das Ritual von Chüd an dem Geist auszuprobieren und spätestens hier klingeln alle Glocken. Und wenn dann noch von den Totenlichtern die Rede ist, wird die Verzückung umso größer. Doch King baut diese Referenz nicht einfach so ein. Sie ergibt unter den Voraussetzungen des Buches durchaus Sinn und wird noch essentiell für das Ende des Buches und für das weitere Leben von Jamie.   

Ein kleiner Roman mit großer Wirkung


Dieses Buch ist im Original im Verlag Hard Case Crime erschienen, die Bücher von bekannten Autoren in einem durchgehenden, einheitlichem Taschenbuchformat herausbringen. Ich habe mir das Buch im Original durchgelesen, wo es auf den Titel Later hört und Kings dritte Arbeit für diesen Verlag ist. In Deutschland ist dieses Buch bei Heyne erschienen, dem Stammverlag von King. Die anderen beiden Bücher in diesem Verlag kenne ich bisher noch nicht (Joyland und Colorado Kid), aber dieses hier wird sicher einige Zeit nachwirken und in den Gedanken Widerhall finden, denn es ist wirklich gut geschrieben und hat ein Thema in sich, das mich schon seit The Sixth Sense beschäftigt. Dabei lotet King in den Figuren trotz der Kürze des Romans eine Tiefe aus, die zeigt, wie gut dieser Mann eigentlich schreiben kann und das ihm auch kurz gehaltene Romane gelingen. Alles in allem ein volle Empfehlung. Für Fans von Stephen King sowieso, aber auch solche, die es vielleicht noch werden wollen. Die angedeutete Referenz ist für Fans gedacht und macht einen großen Spaß diese zu erkennen. Für Leser*innen, die die Referenz nicht kennen, werden trotzdem ebenfalls ihren Spaß haben und sind deshalb noch lange nicht abgehängt. Dieses Buch zeigt erneut, dass es Stephen King trotz seines Alters immer noch drauf hat und das ihm besonders kindliche oder jugendliche Charaktere weiterhin besonders gut gelingen, so dass man mit ihnen mitfiebert und die Angst mit ihnen teilt.
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