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Die Schuldigen

Ich stehe diesem Buch zwiespältig gegenüber. Eine professionelle Rezensentin hatte es in einem literarischen Magazin mit nur zwei Sternen bewertet. Das reizte meinen Widerspruchsgeist, und aufgrund dieser Tatsache, und meiner neu erwachten Liebe für das Genre „True Crime“, wollte ich es unbedingt lesen. Nun – auf zwei Sterne möchte ich mich nicht festlegen; auf wesentlich mehr aber auch nicht. Diverse Aspekte dieses Projektes erscheinen mir recht unausgegoren.

Das Buch wurde von Mutter und Tochter verfasst – die Mutter forensische Psychiaterin, die Tochter Juristin. Beide sind allerdings bislang keine Autorinnen gewesen – und ich finde, das merkt man auch. Erzählt werden 8 wahre Fälle aus dem Berufsleben der Mutter. Laut Vorwort sollen die Mütter, die Frauen, im Fokus stehen, weil deren Rolle bei Verbrechen bislang unterschätzt werde. Die Autorin gibt dabei zu, den im Titel auftauchenden Begriff der „Schuld“ als Anreiz für den Leser gewählt zu haben.

Hm! Die Geschichten sind an sich recht solide erzählt, und decken eine beeindruckende Vielfalt von Lebensumständen ab. Dennoch beschleicht mich bei dem Ganzen ein latentes Unbehagen. Das betrifft einfach die Erzählweise. Jeder Fall wird erzählt wie eine Episode aus „Aktenzeichen XY“. Es gibt eine einleitende Passage, in der das Verbrechen fiktionalisiert und „nacherzählt“ wird. Das jedoch auf sehr effekthascherische Weise. Hier tauchen Einzelheiten auf, die die Autorin unmöglich hat wissen können. Warum kaut die Mutter, die ihren Sohn jahrelang sexuell missbraucht hat, an langen, lackierten Fingernägeln, als sie ihn anzeigt? Warum kaut sie Kaugummi?? Warum sprechen etliche Figuren im (hessischen) Dialekt? (Das fand ich besonders schlimm; das hat sie in den Augen des Lesers meiner Meinung nach herabgewürdigt, hat den Tatbestand verniedlicht.) Woher will sie wissen, dass der Täter auf seiner Autofahrt laute Musik hörte? Und warum, zum Kuckuck, muss in einem Prolog ausgerechnet ein Kaninchen auftauchen, das tagelang kein Futter bekommen hat…? Motto: Tränendrüse, sage ich da.

Es geht weiter. In einem zweiten Erzählschritt betritt Hanna Ziegert, die Psychiaterin, die Bühne. Sie besucht den Beschuldigten und führt mit ihm oder ihr erste Gespräche. Hier wird es etwas besser. Sie bemüht sich, eigene Zweifel zu schildern, und auch die Art und Weise, wie sie zu ihrer Einschätzung der Situation gelangt ist. Aber: ich fühlte mich als Leser auch oft veralbert und von oben herab behandelt. Ich muss nicht in aller Breite noch einmal erzählt bekommen, was ein Ödipus-Komplex ist – samt griechischer Legende! Und ich weiß auch, Dankeschön, was der Unterschied zwischen Jugend- und Erwachsenenstrafrecht ist. Und noch etliches mehr. Hier werden einfach etliche Seiten geschunden.

Spannend wurde es dann wieder in den letzten Abschnitten. Denn nicht immer ist das Gericht der Einschätzung von Hanna Ziegert gefolgt. Sie erläutert durchaus nachvollziehbar, welcher Ausgang möglich und wahrscheinlich gewesen wäre. Und manchmal gibt sie auch einen Einblick in das Leben des Täters nach dem Urteil. Das war alles nicht ohne Reiz.

Ich pendle mich auf einer mittleren Bewertung von drei Sternen ein. Insgesamt finde ich einfach, dass der Stil etwas hölzern und leblos war. Eben ganz offensichtlich „literarisch ungeübt“. Und fragwürdig finde ich, dass die Sympathien des Lesers manchmal sehr eindeutig gelenkt werden sollen. Obwohl er ja, laut Vorwort, eigentlich zum selbständigen Denken angeregt werden soll. Es steht zu hoffen, dass das Autorinnen-Duo hinzulernt, und in möglichen weiteren Bänden „wächst“.
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Die Schuldigen
Hanna Ziegert,Nora Ziegert
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3
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